Das Magazin für Kollateralschäden innerhalb der eigenen vier Wände

Der Mensch ist zur Funheit verdammt

"Fünf, vier, drei, zwei, ..." Das Partyvolk kann es nicht mehr abwarten und schleudert bereits bei "Eins!" das bunte Mehl in die Luft. Eine riesige Farbwolke zieht über den Platz. Die eingefärbte Menge gröhlt begeistert.

Es ist schrill. Es ist bunt. Es ist "Holi".

Junior-Eventmanager Julian betont den kulturellen Aspekt dieses aus Indien kommenden Festes. Er ist ausgewiesener Indienexperte, da er gerne mal ins "Taj Mahal" an der Ecke geht, um dort das Business Lunch und ein Litschi Lassi zu sich zu nehmen. "Ich habe meine Informationen aus erster Hand, also von Wikipedia. Es geht bei diesem Fest um Farben und ums Spirituelle, also um den ‚Holi Spirit'." Sein Kompagnon Timo ergänzt: "Holi bedeutet natürlich für jeden etwas anderes, so wie bei uns Weihnachten, wo die einen rote und die anderen goldene Kugeln an den Weihnachtsbaum hängen. Oder wie Ostern, wo die einen ihre Eier blau und die anderen gelb anmalen. Und für uns als Veranstalter ist Holi so etwas wie Weihachten und Ostern an einem Tag."

"Jetzt geht die Sause hier aber mal so richtig ab, yeah!", kreischt der holibeseelte DJ Mahatma Fhandi mit 120 dB ins verschreckte Mikrofon.

Ein älterer Zaungast schüttelt ärgerlich den Kopf: "Die heutige Spaßgeneration hat doch nur noch Party im Sinn!" Die 22-jährige Mangamodedesignerpraktikantin Maike mag diese Vorurteile nicht mehr hören: "Zuerst gebt ihr uns mit vierzehn Camus zu lesen, und dann lasst ihr uns mit der Absurdität unseres Lebens alleine. Wir wissen doch auch keine Antwort auf die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz und wollen doch nur deshalb Fun, damit wir überhaupt erst gar nicht die Zeit haben, uns die Frage danach zu stellen. Denkt der alte Sack da drüben etwa, dass es Spaß macht, ständig Fun haben zu müssen? Der Mensch ist zur Funheit verdammt."

Doch die Teilnehmer wollen nicht nur Spaß – sie wollen mit ihrem Happening auch ein kunterbuntes Zeichen setzen: Gegen Diskriminierung, Klimawandel und diese lästigen Pop-Up-Fenster, bei denen sich immer gleich eine neue Seite öffnet, wenn man sie zu schließen versucht. Maikes Freundin Dörthe, Sozialpädagogikstudentin im vierten Semester, wehrt sich gegen den Vorwurf, dass der heutigen Jugend "alles egal" sei: "Die Welt hat viel zu viele Probleme. Und ständig wird alles ausdiskutiert, ohne das sich was ändert. Probleme sind aber wie diese ‚grauen Herren' in ‚Momo' – sie stehlen uns unsere kostbare Lebenszeit. Dagegen wehren wir uns mit Farbe. Unsere Denke ist bunt, unsere Emotions sind bunt – und so gibt es auf der Welt keinen ‚grauen Herrn', für den wir nicht schon eine bunte Lösung parat hätten. Wenn so jemand kommt und ‚Klimawandel' sagt, dann stelle ich mir in meinem Kopf ein ganz intensives Azurblau vor. Damit bewege ich mehr für einen gesunden Himmel als die ganzen Sonntagsreden von den Politikern. Oder wenn jemand ‚Kindesmissbrauch' sagt, dann denke ich ganz doll rosa, und alles ist wieder gut. Gestern war mir so grau zumute. Da habe ich einfach laut ‚gelb' gesagt und prompt schreibt mir eine halbe Stunde später meine Freundin Kati eine SMS mit einem dicken Smiley!"

Nur, dass so gar keine Hartz-IV-Empfänger zur Party gekommen sind, regt Dörthe auf: "Holi ist ja bekanntlich das Fest, bei dem sämtliche Kastenunterschiede aufgehoben sind. In Indien freuen sich die Armen der Ärmsten, wenn sie mal mit richtig reichen Menschen zusammen feiern dürfen. Und bei uns lässt sich nicht ein einziger Hartz-IV-Arsch blicken. Das ist mal wieder so typisch deutsch. Gönnen die uns etwa unsere Gönnerhaftigkeit nicht?" – "Fünfzehn Tacken Eintritt sind aber auch nicht gerade ein Pappenstiel," verteidigt Maike die Spaßverweigerer. "Denk mal an die ganzen Menschen in Afrika, die sich gar kein Holi leisten können." Dörthe nimmt ihre Freundin tröstend in den Arm: "Kopf hoch, Maike! Die sind doch schon farbig genug."

Für Bachelor-Freeclimbingstudent Linus ist Holi "zu sehr Kierkegaard." Er nimmt am konkurrierenden "Color-RunTM" teil, bei dem ein großer Sportartikelhersteller die Läufer einlädt, sich während des Fun-Laufes an verschiedenen Stationen mit Farben bewerfen zu lassen. "Holi ist mir religiös viel zu überfrachtet. Da steht Rot meinetwegen für ‚menstruierende Elefantenkuh' und das soll mir dann irgendwas sagen. Aber ich lass mich doch nicht von irgend so einer dahergelaufenen Farbe zulabern. Hier ist rot einfach nur rot. Und zwar im basisexistentiellsten Sinne. Das ist auch gut so. Du musst dich schon ziemlich aufs Wesentliche konzentrieren, wenn du bei 20 km/h eine Schippe gefärbtes Mehl in die Fresse gehauen kriegst und es auch noch spaßig finden willst."

Linus gehört zu den ultraorthodoxen Funsportlern, die mit ihrem Spaß keinen Spaß verstehen: "Von wegen: ‚Leben im Hier und Jetzt!' Kein Wunder, dass die meisten Läufer dem Spaß hinterher rennen wie der Teufel dem Weihwasser. Wenn sie einmal in der Gegenwart angekommen sind, merken sie erst, dass diese genauso öde ist wie ihre verschissene Vergangenheit und Zukunft. Richtig Fun kann man doch nur haben, wenn man völlig hohl ist in der Birne. Von dort aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zum ultimativen Fun-Event: dem Totsein."

Andrew Nussbaum, Sprecher des Hauptsponsors der Veranstaltung, betont die zentrale Rolle, die sein Unternehmen für die persönliche Entwicklung der Spaßgeneration hat: "Die meisten Szeneläufer würden alles versuchen, um ihrem Leben keinen Sinn zu geben. Die müssen wir vor sich selber retten! Wenn sie die dreißig Euro Eintrittsgeld gezahlt und sich unsere Laufschuhe, unsere "Color-RunTM"-T-Shirts und diverse isotonische Erfrischungsgetränke gekauft haben, bleibt ihnen glücklicherweise kein Geld mehr für Alkohol, Drogen und aidsverseuchte Nutten übrig. Und gleichzeitig helfen die Erlöse unserem Konzern, weitgehendst auf Kinderarbeit verzichten und trotzdem wettbewerbsfähig bleiben zu können. Das ist eine klassische ‚Run-Fun-Win-Situation'."

"Treibt's nicht zu grau, Leute, tschau und bis zum nächsten Jahr!"

Die Boxen schweigen, die Teilnehmer verlassen schwermütig das Festgelände. Den beiden Freundinnen fällt es nicht leicht, in den grauen Alltag mit den grauen Herren zurückzukehren. Am nächsten Tag ist Dörthe während der Vorlesung gedanklich ganz woanders – bis plötzlich alles um sie herum zu lachen anfängt. Ohne es zu merken, hat sie aus Langweile in der Nase herumgebohrt und die ganzen Popel auf ihrem weißen T-Shirt abgeschmiert, so dass sich ein nun bunter Regenbogen darauf abzeichnet. Da ist er wieder: Der Rausch der Farben! Und die Party muss weitergehen ...

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