Das Magazin für außerordentliche Verfahrenspraktiken

"Der Schreibtisch ist ein Meister aus Deutschland."

– Doch die hohe Kunst der "Tabula rasa" ist den Meistern vorbehalten, und du bist nur ein Adept, ein adoleszenter Schreibtischtäterling, der Rücken noch so steif wie das Lineal, das du brauchst, um deinen Mitmenschen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Auf deinem Tisch stapeln sich meterhoch die vollgestaubten Akten. Hinter all diesen Vorgängen verbergen sich menschliche Schicksale: Asylanten, Bedürftige, Kranke. Und manches Mal wachst du schweißgebadet auf und weinst stille in dein weiches Kopfkissen, bis deine Mutter dir Trost spendet und warme Milch ans Bett bringt und eine Scheibe Graubrot mit Kochkäse.

Doch bald schon wirst du die Karriereleiter heraufkriechen, die alten, versifften Schnorrer aus deinen Akten werden dir egal sein, und das Fräulein Lehmann aus Team Sechszwölf wird deine Aufmerksamkeit zur Gänze in Anspruch nehmen. "Bürohengst!", wird man dich nennen, dein Lineal brauchst du nur noch zum Penismessen. Dein kleiner Kollege steht wacker seinen Mann, während sich dein Rücken bereits um 55° verkrümmt hat. Öfter als unbedingt nötig wirst du wegen des Vorgangs Achtfünfzehn-schrägstrich-großD-bindestrich-siebenhundertzwei bei der Lehmannschen nachfragen müssen, und eines Tages – man weiß nicht mehr, wie – hast du sie zu dir nach Hause eingeladen, und es gibt Graubrot mit Kochkäse, und deine Mutter will ja nichts sagen, aber ob das Fräulein wirklich der richtige Umgang für dich sei?

Dann wird die Zeit der inneren Emigration kommen. "Hart, aber gerecht!", wird deine Devise sein. Du weißt um das Elend deiner Antragsteller. Doch wenn du anfangen würdest, Ausnahmen zu machen, nur um ihre Not zu lindern, dann würdest du diesen Staat damit zwangsläufig in die Anarchie treiben. Mord, Plünderungen, Vergewaltigungen wären an der Tagesordnung, und wer soll dann deine Mutter schützen? Deshalb nimmst du dein Lineal und ziehst eine rote Linie, die niemand zu überschreiten hat – du am allerwenigsten. Jetzt bist du bereit für die Initiation. Deine Wirbelsäulenverkrümmung beträgt inzwischen 102° und entspricht damit exakt dem anorektalen Winkel deines Vorgesetzten. So ist es dir ein Leichtes, in seinen schützenden Enddarm zu krabbeln und zum Eingeweihden aufzusteigen. Die Wärme der dich umgebenden Schleimhäute hauchen dir neue Lebenskraft ein, denn erst neulich bist du wegen deines vornübergebeugten Ganges in das Kühlregal gefallen, als du Kochkäse einholen gingst.

Doch hier unten im Rektum, dem Sammellager aller Subalternen, wird die Luft auf Dauer ziemlich dünn. Du strebst nach der Würze des Colon descendens, dazu musst du dir allerdings das Rückgrat brechen lassen, um die Kurve zu kriegen. Dein Kopf rotiert nun wie ein Propeller im Wind, wenn du deinen schweren Fahrradhelm aufsetzt und zur Mutter nach Hause radelst. Doch beruflich stehen dir alle Türen offen, denn der Darm deines Vorgesetzten führt in den Darm seines Vorgesetzen und immer so weiter. Die Pfade der Bürokratie sind verschlungen, da taugt dein Lineal nichts mehr. Das nennt sich der "Dienstweg" und erinnert dich vage an eine Matrjoschka, die du mal bei deiner Tante Marianne auf der Kommode gesehen hattest. Schlussendlich mündet jede Darmschlinge im Minister, der gottgleich über dir thront und dir gleichzeitig ganz tief hintendrin steckt und dir Kochkäse um die Rosette schmiert, weil er wie ein bettelnder Antragsteller um deine Wählerstimme buhlt. So ist der Dienstweg für dich auch eine Reise ins eigene ich.

Jetzt geht es um das große Ganze, um Bankenrettung, Flughafenplanung, vielleicht sogar um Drohnen für das Deutsche Heer. Erst in diesen Dimensionen macht das Schuldigsein so richtig Spaß. Doch langsam merkst du, dass du nicht mehr der Jüngste bist und dass es dich Kraft kostet, ständig gegen die Peristaltik arbeiten zu müssen und den tosenden Stürmen ausgesetzt zu sein. Wieder mal ein Anschiss vom Chef, dein Lineal haben sie dir geklaut, um dich zu mobben, und nachts hast du plötzlich wieder diese Albträume deiner Jugendjahre. Träume, in denen sich die Gräber der Karteileichen öffnen, die du alle auf dem Rücken deines Amtsschimmels sitzend mit deinem vielzitierten Paragraphen Schmeißmichtot in die Schützengräben des Archivs zurückgetrieben hast. Deine Mutter spendet dir Trost – so träumst du, doch dann wachst du auf und stellst fest, dass die andere Hälfte des Bettes leer ist. Du musstest ihren Antrag auf Pflegehilfe abweisen, weil du vor lauter Überstunden die Einspruchsfrist verbummelt hattest, und eines Tages fandest du sie, als du von der Arbeit kamst, tot in der Badewanne liegen, und Kochkäse war auch keiner mehr im Haus.

Zum Schluss warst du fast nur noch krank. Den ganzen Frust und die Paragraphen, die du in dich hineinfressen musstest, haben dich so verstopft, dass sich der Dienstweg gestaut hatte. Seit du im Vorruhestand bist, traust du dich tagsüber kaum noch aus dem Haus, da sich deine Augen nicht mehr an das helle Licht gewöhnen wollen. Doch nachts, da tanzt du auf den Gräbern deiner Opfer, singst das Ave Maria der Dienstvorschriften, schlürfst Kochkäse aus der Schnabeltasse und schwingst stolz dein Lineal, das dir die Kollegen zum Abschied geschenkt haben. In deiner Altersweisheit hast du deine Schuldgefühle hinter dir gelassen. Wenn du die Drecksarbeit nicht getan hättest, hätte es jemand anders getan. Und mit der Schuld, jemand anderem diese Schuld aufzubürden, hättest du noch viel schlechter leben können.

Nicht mehr lange, dann wirst du selber zwischenraus gehen, dann werden sie dir die Finger brechen, damit sie dich von deinem Rollator trennen können, und danach dann auch den Rücken, damit du wider deiner Natur aufrecht im Sarg liegst. Letztendlich werden sie dir einen Pflock durchs Herz jagen – man kann ja nie wissen. Dann gehst du wieder dahin, von wo du gekommen bist und wo die Sonne niemals scheint. Und so wie der Dienstweg deine Seele verdaut hat, wird die Erde deinen Körper verdauen. Bis irgendein junger Schreibtischtäterling seufzend die Akte deiner Grabpacht schließt.

"Der Tod ist ein Meister des Schreibtischs."

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