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Der Barcode der Liebe

Es war ihre Art, wie sie die Fischkonserven über das Barcodelesegerät zog, die mich zu ihr hinzog. Nicht, wie diese skrupellosen Kassiererinnenschlampen, die mit einer Dose Makrelenfilets umgehen wie mit einem seelenlosen Etwas. Nein, Frl. Hanselmann berührt die Dinge auf eine feenhafte Art und Weise. So wie ihre Finger sanft über die Blechverkleidung streicheln, scheint man die Geheimnisse der wackren Seesoldaten, die sie seit Jahrmillionen in den Tiefen des Meeres hüten, zu erahnen. Man spürt den Wind, der den Fischern die aufschäumende Gischt der Bugwelle ins Gesicht spritzte. Man hört die Kinder, die ihre Mutter begeistert empfingen, wenn diese nach einem harten, aber erfüllten Arbeitstag in der Fischkonservenfabrik mit einer Tupperdose voller Ausschussware abends nach Hause zurückkehrte. Und dann, wenn sie mit ihrem Fingernagel ganz leicht an der Aufrisslasche der Dose hängen bleibt, da zwickt es lustvoll in der Leistengegend …

Ihre Fingernägel. Sie sind makellos rund gefeilt und nur mit ein wenig klarem Nagellack überzogen. Nicht so tussihaft wie bei den anderen Kassiererinnen, die alle zwei Tage bei ihrer Nageldesignerin abhängen. Seit die Preise nicht mehr manuell in die Registrierkasse eingegeben werden müssen, denken diese Luder ja, dass sie sich alles erlauben können. Aber wenn Frl. Hanselmann Fingernägeln ein selbstklebendes Etikett von den Bananen löst, weil es etwas zu sehr eingedellt ist, um von dem Barcodelesegerät problemlos eingelesen werden zu können, dann hinterlassen ihr makellos rund gefeilten Fingernägel keine Knicke oder Einrisse in der Preisauszeichnungen. Die Etiketten scheinen vielmehr vor Verlangen aufzuquietschen und sich Frl. Hansemanns sanften Händen entgegenzurecken.

Frl. Hanselmann ist voller Liebe.

Und heute habe ich ein Rendezvous mit Frl. Hanselmann. Ein Rendezvous, von dem sie noch nichts weiß. Auf diesen Tag habe ich zwei Monate hingespart und meinen Einkaufswagen so vollgepackt, dass Frl. Hanselmann mindestens eine halbe Stunde brauchen wird, um mir die Hunderte von Fischkonserven und Bananen – die ich alle einzeln ausgewogen und verknickt aufgeklebt habe – abzuziehen.

Bei einem ersten Date sollte man allerdings zunächst kein übertriebenes Interesse am Objekt seiner Begierde offenbaren. Also schlendere ich erst mal von Kasse zu Kasse. Es soll so aussehen, als ob mich mich nur deshalb bei Frl. Hanselmann anstellen würde, weil ihre Schlange zufällig gerade die kürzeste ist. Dummerweise stehen aber ausgerechnet bei ihr die meisten Kunden an. Also tue ich so, als ob ich etwas vergessen hätte und gehe in den Laden zurück. Ich richte mir einen Beobachtungsposten hinter dem Hygieneartikelregal ein und beobachte von hier aus das Schlachtfeld. Als Kasse drei schließt und Frl. Hanselmanns Schlange zumindest zahlenmäßige nicht mehr die längste zu sein scheint, greife ich mir auf die Schnelle eine Packung Tampons und stürze mich ins Getümmel, um mir meinen Platz an der Sonne zu erstreiten.

Zwei Leute sind noch vor mir. Ich bezwinge meinen unbändigen Wunsch, Frl. Hanslemann ins Gesicht zu schauen. Nach einer Weile ertappe ich mich dabei, wie ich stattdessen auf ihre klassizistisch geformten Brüste starre. Wie peinlich! Vielleicht denkt sie ja, ich hätte mich nur für ihr Namensschild interessiert? Als ob ich ihren Namen nicht längst wüsste, wo ich mich doch jeden Abend mit ihm in den Schlaf buchstabiere.

Während die alte Schnapsdrossel, die ihre Flasche Doppelkorn dezent mit der Bildzeitung bedeckte, als sie sie aufs Band legte, endlich ihr Kleingeld sortiert hatte und von dannen zog, stand nur noch ein fetter, hässlicher Typ in einer viel zu engen Jeans vor mir – keine Konkurrenz! Während Frl Hanselmann die Barcodenummer einer Haargeltube manuell eingeben musste und die Zahlen dabei voller musikalischer Hingabe vor sich hin trällerte, erschien mir das ganze Leben wie ein großes Musical, in dem gleich meinen großen Auftritt haben würde. Jetzt, da ich nur noch einen knappen Meter von Frl. Hanselmann entfernt stand, fiel es mir allerdings noch viel schwerer, sie nicht anzuschauen, ohne dass das Wegschauen unfreundlich wirkte. Also tat ich so, als ob ich mich mit dem Impulsartikelsortiment beschäftigen würde. Aha. AAA-Batterien. Interessant. Zigaretten. Ob Frl. Hanselmann raucht? Kondome. Ob Frl. Hanselmann einen Kinderwunsch hat? Ein Stabfeuerzeug. Auch sehr schön.

Während der Kerl vor mir gerade seine EC-Karte einsteckt, habe ich auch schon die letzte Fischkonserve aufs Band gelegt. Jetzt ist der Augenblick der Wahrheit gekommen. Niemand steht mehr zwischen mir und meinem Glück.

Aus den Augenwinkeln sehe ich eine burschikos wirkende Kassiererin auf uns zukommen. Sie trägt eine Geldlade unter ihren verschwitzten Armen, die eines Sumoringers würdig wären. "Du kannst Feierabend machen, Frau Hanselmann", gröhlt sie mit ihrer unangenehmen Stimme durch den gesamten Kassenbereich, "deine Ablösung kommt." Ich beginne hemmungslos zu flennen, während Frau Rothmann lieblos nach einer Fischkonserve grapscht und dabei eine bereits abkassierte Banane zermantscht.

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