Das Magazin für Sozialschmarotzer und sonstiges Gesinde

Pure Existenz

"Die einzige Möglichkeit, unsterblich zu werden, ist es, dem Tod frech ins Gesicht zu lachen! Du weißt, dass in deinem Rücken ein ICE mit hundert Sachen auf dich zugerast kommt. Das ist die Masse von 600 Elefanten. Wenn er bis auf einhundert Meter an dich herangekommen ist, hast nur 2,27 Sekunden Zeit zu reagieren. Aber wenn du jetzt abdrückst, ist er noch gar nicht auf dem Bild zu erkennen. Du zählst. Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Klick – und im letzten Augenblick rollst du von den Gleisen. Das ist pure Existenz.

Ein Selfie für die Ewigkeit. Ein Foto, das noch auf dem Server liegen wird, wenn ich längst Kinder und Enkelkinder habe, wenn meine Knochen verblichen sind, mein Handyvertrag ausgelaufen ist, meine Dispozinsen abbezahlt sind und es vielleicht auch gar keine Frau Merkel mehr gibt. Und wenn die Erde einmal von einem Meteoriten angegriffen wird, dann sind sie hoffentlich so schlau, Facebook mit einer Sonde ins All zu schießen, und Lichtjahre später werden dann Menschen in anderen Galaxien ergriffen vor Augen geführt bekommen, dass Mascha und ich uns über alle Zeiten hinweg lieben.

Kerle haben keinen Sinn für Romantik. 2,27 Sekunden Zeit zu reagieren, bedeutet für sie nur den Unterschied zwischen lebenslang Alimente zahlen oder mich sitzen lassen können. Als ich Marcel einmal gefragt hab, ob er mich auch über den Tod hinaus lieben würde, sagte er nur: "Alte, was faselst du da? Stirb erst mal und dann sehen wir weiter." Grenzenlose Liebe gibt es nur unter Freundinnen. Eine Liebe, die der Tod nicht besiegen kann. Denn nur wo der Schnitter persönlich die Fahrkarten kontrolliert, spüre ich, wie mein Leben erste Klasse fährt!

Unsere Schönheit, unsere Jugend, unsere Intelligenz ist vergänglich. Was bleibt, sind die inneren Werte, und die zählen. Das musste ich auf die harte Tour lernen. Was ist denn aus deinen Treuschwüren geworden, Jessica? 'Wir sind doch Soulmates!' - Bla, bla. Heute hängst du mit den anderen Mädels aus der Clique auf dem "Luschengleis" ab, das schon seit Jahren stillgelegt ist. Jeden Tag stellt ihr wieder neue Selfies ins Netz, aber wer genau hinschaut, der sieht, dass die ausrangierte Lok, vor der ihr hockt, dort schon vor Jahren abgestellt wurde und die Vögel darin brüten. Voll peinlich. Und alle habt ihr über Mascha gelacht. Weil sie Klamotten von C&A trägt. Weil sie Pickel hat. Weil sie unsere Sprache nicht spricht. Aber Mascha ist die einzige, die sich traut, mit mir hier zu sitzen und auf den Dreizehnuhrachtundzwanzig Richtung Frankfurt zu warten. Ob sie wohl weiß, dass hier gleich ein Zug durchfahren wird?

Das Adrenalin steigt mir so langsam zu Kopf. Gierig sauge ich an meiner Zigarette. 'Willst du auch noch einen letzten Zug?', frage ich Mascha, doch sie versteht nicht, was ich sage. Als ich mich umdrehe, sehe ich den Zug in der Ferne angerauscht kommen. Fahrplanmäßig. Ich zücke mein Handy und versuche, nicht zu zittern. 'Ich zähle gleich bis drei. Bei zwei löse ich die Kamera aus, bei drei kugeln wir uns zur Seite weg. Also: Cheese! Eins … zwei … klick …"

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"Eigentlich müsste ich geschockt sein. Beim ersten Mal, als ich die Mädels in Itzehoe auf der Windschutzscheibe kleben hatte, stand ich jedenfalls völlig neben mir. Aber seitdem habe ich viel nachgedacht, und ich weiß, dass ich diese wenige Zeit nutzen muss, bevor hier gleich die Hölle losbrechen wird, bevor die Fahrgäste sich wieder aufgerappelt haben und nach dem Rechten schauen werden, bevor Polizei und Rettungswagen auftauchen und es hier vor Schaulustigen und Fernsehteams nur so wimmeln wird, während ich nach der Beruhigungsspritze nicht mehr klar denken kann. Diese ein, zwei Minuten nach dem Erstkontakt sind eine heilige Zeit und ich muss sie zelebrieren.

Beim ersten Mal hatte ich alles nicht verstanden. Warum mussten zwei so junge Menschen ihr Leben wegwerfen. Heute weiß, dass ich den Mädchen ein Geschenk gemacht habe. Ich habe ihnen in einer sinnfremden Zeit ihr tragisches Schicksal zurückgegeben. Ich bin mit meinen 3000 Tonnen beschleunigten Stahl unter den Pobacken ihre menschgewordene Nemesis geworden. Ich bin der Hohepriester unserer neubegründeten Schicksalsgemeinschaft.

Ob ihre zuckenden Gehirne noch etwas von diesem feierlichen Augenblick mitbekommen? Ob ihre freigesetzten Seelen mich als den Mann erkennen, der ihnen so vieles mehr geben konnte als die oberflächlichen Bübelchen, mit denen sie sich Tag für Tag in der Schule herumquälen mussten? Ich begreife jetzt, warum ich schon als kleiner Junge Lokomotivführer werden wollte. Es ist eine existentielle Entscheidung gewesen.

Mal schauen, wie das Bild geworden ist, das die Kleine geschossen hat. Schön, wie die beiden lächeln. Und wenn man genau hinschaut, sieht man mich im Hintergrund am Steuer des Triebwagens grinsen, während ich so richtig durchziehe. Ich werde das Bild gleich hochladen und bin mal gespannt, wie ihre Freundinnen reagieren. Die werden bestimmt total neidisch sein. Vielleicht sollte ich noch ein Nachherfoto von uns dreien machen. Ich könnte mich lässig auf den Puffer setzen. Schau an, welchem der beiden jungen Dingern wohl die Darmschlinge gehört, die sich um ihn herumgewickelt hat? Da wird einem mal wieder deutlich, wie wichtig doch die inneren Werte eines Menschen sind. Aber vielleicht stelle ich mich lieber neben diesen Fleck. Der könnte einmal ein Gesicht gewesen sein. Dann also auf drei: Eins … zwei … Cheese!"


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