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Vereint in Einfalt:

Das (Schild)Bürgerfest 2014

Das diesjährige Marketingevent der „Deutsche Einheit“ AG, das unter dem Namen „Bürgerfest“ firmiert, fand am 3. Oktober in Hannover statt. Und keinem anderen Bundesland war das Motto „Vereint in Vielfalt“ so sehr auf den Leib geschneidert wie dem Veranstalter Niedersachsen. Nirgends sonst auf der Welt leben unvereinbare Gegensätze wie Kühe und Schafe, Provinz und Posse, Sturheit und Dummheit, Gülle und Bio-Gülle, Hannover und Braunschweig so vereint nebeneinander, wie in dem Land zwischen Flach- und Wahnsinn. Wenn sich die Bundesregierung aus guten Gründen schon lange nicht mehr traut, den Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in den neuen Bundesländern zu feiern, so hat sie doch passend zum 25. Jahrestag des Mauerfalls mit Hannover einen besonders symbolträchtigen Ort gefunden, um der Lebenswirklichkeit vieler Deutscher aus dem Weg zu gehen – schließlich ist die Landeshauptstadt mit dem Verstand an der Leine die Partnerstadt von Leipzig. Und während sich in jenem denkwürdigen November 1989 die Brieffreunde aus der sächsischen Metropole auf ihren Montagsdemos zu Leipziger Allerley zusammenknüppeln ließen, plagte den gemeinen Hannoveraner der Gedanke, ob er seinen Grünkohl auch schon vor dem ersten Bodenfrost genießen könne. Wahrscheinlich hätte man in der Kapitale Niedertrachtens bis heute nichts von der Grenzöffnung mitbekommen, wenn ein Trabi nicht eine Garageneinfahrt in der Ferdinand-Wallbrecht-Straße blockiert oder das Bürgerfest 2014 woanders – zum Beispiel in Leipzig – stattgefunden hätte.





Abbildung 1: Der Kanzlereingang zum Bürgerfest 2014

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Mit den Millionen Steuergeldern, die man für die unzähligen Pavillons, Showbühnen und die bundesweite Wakeboard-Serie „Wake-Masters“ zum Fenster herausgelehnt hat, verbaute man den idyllischen Blick auf den geschichtsträchtigen Maschsee. Hunderte freiwilliger Helfer und Ein-Euro-Jobber schraubten, schweißten und fluchten an eben jenem Ort, an dem noch vor 70 Jahren tausende Mitarbeiter des Reichsarbeitsdienst zur Stärkung ihrer Muskeln freudig den Naherholungstümpel in Hannovers Südstadt aushoben. Damals gab es noch keine Mauer in ihren Köpfen und keinen Ost-West-Konflikt – obwohl wenigstens noch reichlich Osten vorhanden war. Doch seitdem hat der „Fackelträger“ – jene Statue, die die nationalsozialistischen Gründerväter am Nordufer errichteten – unendlich viel Leid, Gewalt und Zwietracht erleben müssen. Wie gerne hätte er den Tauchern der Bundespolizei den Weg gewiesen, als sie im letzten Jahr die Leichenteile der drogensüchtigen Gelegenheitsprostituierten Andrea B. suchten, die sich ebenso wie die Wiedervereinigung im Rausch zu Tode verkauft, schlussendlich aber weder Hand noch Fuß hatte. Und so schaut er neuerdings traurig auf ein weiteres Symbol der Deutschen Einheit – den viel zu teuer geratenen Anbau des nahe gelegenen Sprengel-Museums, der von den Hannoveranern bereits liebevoll „der Sarkophag“ genannt wird.





Abbildung 2: Einheitssymbol? Der "Sarkophag" am Maschsee.

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Trotzdem schien dem „Fackelträger“ ein Lächeln über das Gesicht zu gleiten, als die Berliner Politdemenz sich am 3. Oktober die Ehre gab. Zur Einweihung des Maschsees hatten sich gerade einmal Hannovers Gauleiter und der Stabschef der SA eingefunden. Und so reckte er den Arm noch ein wenig stolzer zum Hitlergruß, als der Bundespräsident die Karpfenparade abnahm, die am Nordufer gut im Futter steht, seitdem der Maschseemörder seine Tüten geleert hatte. Vielleicht fühlte sich die Statue beim Anblick Joachim Gaucks ein wenig an den alten Paul von Hindenburg erinnert und wollte ihm ins Ohr flüstern: „Kopf hoch, Paule! Im Feld sind alle toten Landser gleich, egal ob sie aus den alten oder neuen Ländern kommen. Im Schützengraben verwest zusammen, was zusammen gehört. Und sobald aus dem Maschsee ein brauner Sumpf geworden ist und sich so viele Knochen auf seinem Grund türmen, dass die Maschsee-Connection wie einst unser Heiland über den See wandeln kann, und die Karpfen an Herzverfettung gestorben sind – spätestens dann wird Deutschland wieder eines geistig Kind sein.“





Abbildung 3: "Heil, heil, Gänschen!" - Der "Fackelträger" am Nordufer

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Doch bis dahin ist es noch ein kurzer Weg, und so darf man gespannt sein, wo das nächste symbolträchtige Bürgerfest gefeiert wird: Vielleicht im „Gasthof zur Post“ in Neunkirchen, wo der Großvater des Hoteliers Erich Honecker zwar nicht persönlich kannte, ihn aber schon mal im Fernsehen gesehen hatte. Oder im „Jever-Stübchen“ in Eckernförde, wo ein Skat-Stammtisch auch schon mal eine Schnapsidee hatte. Oder unter dem Motto „Autobahn verbindet“ in einer öffentlichen Toilette der Raststätte Remscheid Ost, wo schon halb Deutschland drauf geschissen hat. Oder würde sich dann die Autobahnraststätte Remscheid West zurückgesetzt fühlen, auf die die andere Hälfte scheißt? Egal – Hauptsache, wir haben es mal wieder hinter uns ...

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