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Der Seismograph des Terrors

Hannover wird von Angst regiert

Stumm und anklagend stehen sie da, die zarten Grünkohlpflänzchen auf den Äckern rund um Hannover, so als wollten sie sagen: „Nous sommes chou frisé“ – egal ob weiß, ob schwarz, ob rot, ob gelb – heute sind wir alle grün.

Doch dieses Jahr wird der Grünkohl auf den Feldern verfaulen, denn die Saat des Terrors packt ihn an der Wurzel, und kein polnischer Grünkohlpflücker wird ihn dieses Jahr liebevoll abzupfen, damit er in hannöverschen Küchen das süße Aroma von Frieden und Freiheit verbreiten kann. Denn das feige Attentat auf das Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden im November letzten Jahres, das in letzter Sekunde vereitelt werden konnte, hat die niedersächsische Weltstadt mit Herz und Nieren in ihren Grunzfesten erschüttert. Aus Sicherheitsgründen hat die Polizei seitdem sämtliche Grünkohlplantagen weiträumig abgesperrt, damit der IS, Al-Qaida oder die CSU dieses Symbol norddeutscher Unabhängigkeit nicht ins Visier nehmen können.

Nach außen trägt der Hannoveraner eine entspannte, fast einschläfernde Gelassenheit zur Schau. Das geplante Attentat auf die „HDI-Arena“ (die vielen noch als „AWD-Arena“ in Erinnerung ist) bleibt schlussendlich nur eine kleine Randnotiz in der bewegten Geschichte der Stadt, in der die Welfen und der Wahnsinn regierten. Das Stadion selbst steht als Symbol für historische Gräueltaten: Es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem blutgetränkten Schutt der ausgebombten Stadt aufgebaut, „Niedersachsenstadion“ genannt und später mit der Asche von Torhüterlegende Robert Enke eingesegnet. Doch damals hatte der Feind einen Namen (die Tommys, Einfallslosigkeit und Depression), während er heute gesichtslos durch die Straßen schleicht und haarmannesk zuschlägt. Jeder Fremde ist verdächtig, und da für den Hannoveraner der eigene Nachbar, die eigenen Geschwister und vor allem die eigene Schwiegermutter völlig fremd sind, hören die Telefone in der Sondereinsatzzentrale nicht auf zu klingeln. Selbst die NSA kommt nicht mehr hinterher, um die unzähligen anonymen Hinweise auszuwerten. Vor allem Oberbürgermeister Stefan Schostok steht im Fokus der Ermittlungen, da mehr als 98% der Bürger Hannovers sich ganz sicher sind, niemals zuvor einen so dermaßen fiesen Dackelblick gesehen zu haben.

Obwohl die Bundeswehr Präsenz zeigt und mit Marder-Panzern die wichtigsten Plätze Hannovers unter Dauerbeschuss genommen hat, kommt es fast täglich zu grausigen Gewaltakten: Fußgänger werden von Personenkraftwagen angefahren, Strommasten stürzen auf Rübenroder, die Migrationsbeauftragte Doris Schröder-Köpf liest Montessori-Schülern Geschichten über leibhaftige Elefanten vor. Ein harmloser Mitbürger, der unter Flatulenz leidet, löst in ein einem Kaufhaus eine Massenpanik aus. Die letzten Worte, die eine schwangere Frau in der U-Bahn vernimmt, sind: „Los, schieß! Sie trägt einen Sprengstoffgürtel.“ Kein Wunder, dass sich die Hannoveraner bei dieser Lawine nicht abreißender Schreckensmeldungen kaum noch auf die Straße trauen. Die großen Supermärkte wurden durch Hamsterkäufe leergeräumt. Besonders der gemeine Feldhamster ist bei den Bürgern der Stadt begehrt, weil man glaubt, dass seine linke Vorderpfote bei Akne hilft und gleichzeitig vor terroristischen Anschlägen schützt. Aber auch der Goldhamster steht hoch im Kurs. Der Niedersachse hat im Laufe der Jahrhunderte ein aufwendiges Verfahren entwickelt, um den Hamster vom Gold zu trennen, denn in Krisenzeiten ist das harte Gold sicherer als der weiche Euro. Den restlichen Hamster kocht er zu Marmelade ein.

Der Seismograph des Terrors verzeichnet unter der Oberfläche des Phlegmas teutonische Spannungen, die die Gesellschaft zu zerreißen drohen. Gäbe es hier in Hannover so etwas wie eine Zivilisation, so wäre sie dem Untergang geweiht. Viele Bürger sind so verunsichert, dass sie bereits überlegen, nach Syrien auszuwandern, um ihr Leben völlig neu zu beginnen. Dann gibt es nur noch die Grünkohlpflanzen auf den Feldern, so als wollten sie dem Terror entgegnen: „Ihr könnt uns häckseln, ihr könnt uns kochen, ihr könnt uns sogar einfrieren – und doch bleiben wir in unseren Herzen immer Hannoveraner.“

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