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Die Hoffnung stirbt zuletzt

„Zwei endlos scheinende Wochen trieben wir auf unserem Schlauchboot dahin, ohne Wasser und ohne Brot. Als wir losfuhren, befanden sich zwanzig Menschen auf dem notdürftig geflickten Bötchen, doch bereits in der ersten Nacht gingen drei von uns über Bord. Als wir schließlich die rettende Küste erblickten, waren wir nur noch zu fünft. Bevor wir das Festland erreichen konnten, liefen wir auf einen großen Felsen und die Luft strömte aus mehreren Löchern gleichzeitig aus. Eine Frau neben mir stürzte sich panisch in die Fluten. Sie konnte nicht schwimmen. Wir saßen in unserem schlaffer werdenden Gummiboot und beobachteten ihren Todeskampf. Gebete wurden gemurmelt, ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen. Aber wie durch ein Wunder schafften wir es noch, das rettende Ufer zu erreichen.“ – Tränen rinnen Mary über die Wangen. Die junge Frau sitzt in einem karg eingerichteten Zimmer in einem Auffanglager in der Nähe von Augsburg. An der Wand hängt ein Kruzifix, auf dem Tisch liegt ein Schreiben der Bayrischen Landesregierung. Das Fenster zur Straße zeigt eine Welt, die Mary hier nicht willkommen heißt. Deshalb hat sie die scheußlichen 70er-Jahre-Vorhänge zugezogen. Ihre Hände wandern zu ihren Bauch, wo sie von Zeit zu Zeit den Lebenswillen ihrer Leibesfrucht zu spüren bekommt, wenn sie sanft tritt und strampelt - „so wie die Frau im Wasser, als sie keinen Grund unter ihren Füßen zu fassen bekam.“ Wenn es ein Mädchen wird, soll sie Angela heißen.

Von ihrer Familie hat Mary nicht mehr als ein vom Salzwasser zersetztes Foto retten können. Ihren Mann und ihre zwei Kinder im Alter von drei und fünf Jahren musste sie im Krisengebiet zurücklassen. „Mein Mann setzte mich in das Boot und versprach mir, mit den Kleinen nachzukommen, sobald er Fenster und Türen im Erdgeschoss abgedichtet hat.“ In ihrem Heimatort Ratzdorf, wo Oder und Neiße zusammenfließen, schlug das Hochwasser besonders unbarmherzig zu. Sieben Meter stieg der Pegel innerhalb weniger Stunden. Ob ihre Familie es geschafft hat, den Fluten noch rechtzeitig zu entkommen, weiß Mary nicht – doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

So war Mary voller Hoffnung, als sie die helfenden Hände am Deich zu fassen bekam. Doch helfende Hände sind seitdem rar geworden. In ihrer neuen Heimat wird sie argwöhnisch beäugt, wenn sie in ihrer geblümten Dederon-Kittelschürze durch den Ort schlendert. „Das sind doch alles Wirtschaftsflüchtlinge,“ schimpfen die Einheimischen hinter ihrem Rücken. Ihre männlichen Leidensgenossen aus dem Wohnheim müssen sich jedoch noch schlimmere Zurufe gefallen lassen: „Da kommt der Sachsen-Paule aus dem Busch gekrochen, um unsere Frauen zu vergewaltigen!“ Tatsächlich gab es bereits einen sexuellen Übergriff in der Einkaufspassage, als zwei Lausitzer lasziv an ihren Spreewaldgurken lutschten. Dann entwendeten sie einer jungen Frau ihr iPad, als diese die peinliche Szene filmen wollte. Die Bayerische Landesregierung hat die Männer inzwischen ausgewiesen und wieder auf dem Dach ihrer von den Fluten eingeschlossenen Häuser abgesetzt. Nur Mary hat Verständnis für die beiden Männer: „Höchstens einmal im Monat lässt sich ein Arzt in unserer Unterkunft blicken. Deshalb hat die Heimleitung Plakate mit dem Motto ‚An apple a day keeps the doctor away‘ aufhängen lassen.“

Die Zustände im Flüchtlingsheim sind katastrophal, die ehrenamtlichen Helfer arbeiten permanent an der Belastungsgrenze. „Jeden Tag werden uns um die zwanzig neue Hochwasseropfer zugewiesen. Es herrscht an allem Mangel, und die Flüchtlinge sind dankbar, wenn die Menschen aus der Region ihre gebrauchten Mäntel, ihre gebrauchten Decken und sogar ihr gebrauchtes Toilettenpapier spenden.“ Aus Protest gegen die unhaltbaren Zustände mietete der Bürgermeister einen Reisebus und fuhr mit einer Gruppe von fünfzig Hochwasseropfern nach Berlin, wo er sie erbost Kanzlerin Merkel übergab: „Frau Kanzlerin, werden Sie glücklich mit den Flüchtlingen, wir sind es leid, Ihre desaströse Hochwasserpolitik ausbaden zu müssen.“ Kanzlerin Merkel wurde glücklich mit ihnen und überließ ihm für die Rückfahrt fünfzig Schwaben, die in Berlin gerade niemand mehr brauchte.

Auch Mary hatte Glück, denn sie hat als einzige auf ihrer Etage einen Platz in einem der begehrten Sprachkurse zugewiesen bekommen. Die Anforderungen sind hoch. Sie muss mit dem Schwäbischen und dem Bayrischen gleich zwei regionale Dialekte lernen. Besonders schwer tut sich die gebürtige Dresdnerin allerdings mit Hochdeutsch. Doch gerade das ist für eine Arbeitsaufnahme unerlässlich: „Ich habe einen Job in Augsburg in Aussicht, wo ich mit Kunden aus der ganzen Republik zu tun haben werde. Und denen muss ich ja irgendwie begreiflich machen, dass ohne Kondom nichts läuft.“ Mary will noch bis zu ihrer Niederkunft arbeiten, um sich die Rückkehr in den Osten finanzieren zu können. Sie ist gezeichnet von den vielen Kämpfen, die sie um ihr Haus auszustehen hatte: Zuerst der Streit ums Erbe, dann der arrogante Wessi, der Ansprüche auf den Baugrund erhob, das zähe Ringen um einen Kredit und schließlich die nicht enden wollenden Auseinandersetzungen mit den Versicherungen, wenn mal wieder Hochwasserschäden aufgetreten waren. „Sobald sich die Lage sich in Ratzdorf stabilisiert hat, mache ich wieder rüber. Das Haus, das ist doch mein Leben.“

Tränen rinnen Mary über die Wangen. Das Kruzifix an der Wand ist verstaubt und hängt schief. Auf dem Tisch liegt immer noch das Schreiben der Bayrischen Landesregierung. Ihr Mann – so lässt man sie darin wissen – wurde beim Versuch, über die grüne Grenze nach Bayern illegal einzuwandern, von den Beamten des Freistaats erschossen. Die Grenzer hatten zuvor zwei Warnschüsse abgegeben, doch der Mann lief unbeirrt weiter und schrie immer wieder „Mary, Mary!“ Auch als er niedergestreckt im Gras lag, stammelte er noch ihren Namen. Die Leichen der beiden Kinder fand die Polizei im Lieferwagen einer bekannten Thüringer Bratwurstschlachterei, den eine Schleuserbande tags zuvor gestohlen hatte.

Ebenso wie Marys Herz zerbricht das Fenster zur Straße, als ein Wutbürger den ersten Ziegelstein wirft. Da beginnt das Kruzifix plötzlich zu leuchten, immer heller, immer strahlender – doch es ist nur der Widerschein der Flammen, denn ein Molotowcocktail hat die scheußlichen Vorhänge entzündet. Angela tritt und strampelt. „Wir sind doch auch nur Menschen“, ruft Mary dem Mob entgegen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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