Das Magazin für Ziellose und solche, die es werden wollen

Die große Unsterblichkeitsnummer

Was ängstigt uns eigentlich mehr am Sterben: die beunruhigende Möglichkeit, dass es uns eines Tages nicht mehr geben, oder dass eines Tages kein Schwein mehr über uns sprechen wird? Was ersteres betrifft, bleibt uns nichts anders übrig, als zu hoffen und an einen Gott zu glauben, der uns schon diese vorjenseitige Welt eingebrockt hat. Für unseren postmortalen Ruf können wir allerdings in dieser Welt schon einiges tun.

Die meisten von uns versuchen unsterblich zu werden, in dem sie Kinder in die Welt setzen, die ihre Gedanken und Maximen über ihren Tod hinaus weitertragen sollen. Wenn wir aber erst mal eingesehen haben, dass unsere Sprösslinge uns schon lange vor unserem Ableben vergessen haben, greifen wir zu Alternativplänen und gerne mal zur Feder, um der Nachwelt unser einzigartiges Leben in Form eines Tagebuchs zu hinterlassen.

Doch mal ganz ehrlich: glaubt ernsthaft jemand daran, dass sich zukünftige Generationen für Einträge interessieren werden wie: "Malocht, nach Hause gekommen, 'Gute Zeiten schlechte Zeiten' Folge 4128 geguckt (Caroline und John hatten einen Motorschaden, Paula ist immer noch sauer), Abendessen: zwei Scheiben Graubrot (eine mit Zervelatwurst, eine mit Kochkäse), schlafen gegangen"?

Jeder, der diese Frage guten Gewissens mit nein beantworten kann, kommt nicht daran vorbei, sich anzustrengen und irgend etwas Bleibendes zu formulieren. Goethe wurde unsterblich, weil er schreiben konnte, Charlotte Roche wurde unsterblich, weil sie weniger gut schreiben konnte, aber ein intaktes Sexualleben hatte, Marcel Reich-Ranicki wurde unsterblich, weil er selber gar nicht, aber über andere Schreiber schreiben konnte, ich kann noch nicht mal das und schreibe folgerichtig für die Schieflage.

Wem nun so gar nichts einfällt, was er schreiben könnte, der versucht sich gerne mal mit netten und großzügigen Taten bei der Nachwelt einzuschleimen. Aussichtslos! Als ob heute noch irgend jemand wüsste, wer das Penicillin entdeckt, das Boeuf Wellington erfunden, den Dreißigjährigen Krieg beendet oder den Gandhi im gleichnamigen Film gespielt hat. Aber wer Vlad Tepes oder Adolf Hitler waren, was Fritz Haarmann so buntes getrieben oder wie Uli Hoeneß den entscheidenden Elfmeter gegen die Tschechen verschossen hat, daran werden sich auch Generationen nach uns noch erinnern.

Wer nicht die sittliche Größe verspürt, zu einem Diktator oder Massenmörder aufzusteigen oder wenigstens ein paar Hartz-IV-Empfänger zu drangsalieren, dem bleibt nichts anderes übrig, als einfach nicht zu sterben, um unsterblich zu sein. Das klingt leichter, als es ist. Berechnungen des Statistischen Bundesamtes beweisen, dass ein jeder Mensch mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99% sterben wird. Der Trick ist also, zu sterben, ohne es sich anmerken zu lassen. Wer sich einäschern lässt, müffelt zwar nicht, wird von seinen Mitmenschen aber in den seltensten Fällen als einer der ihrigen wahrgenommen.

Bewährt hat sich die Technik des Einbalsamierens. Ägyptische Mumien halten auch nach tausenden von Jahren jeden Vergleich mit Alice Schwarzer oder Helmut Schmidt stand und können sich auch heute noch in der Öffentlichkeit bewegen, ohne großes Aufsehen zu erregen. Diese Methode ist allerdings sehr kostenintensiv. Die Körperpflege des bekannten Mumienstars Lenin verschlingt beispielsweise jährlich Millionen von Rubel.

Etwas günstiger ist das Einfrieren. Falls allerdings irgendwann einmal der Strom ausfallen sollte, kann man aufgetautes Gefriergut nicht wieder einfrieren, und das Risiko von Gefrierbrand ist beim heutigen Stand der Technik noch viel zu groß. Außerdem eignet sich diese Prozedur nicht für Menschen mit chronischen Erkältungskrankheiten.

Für dieses kälteempfindliche Klientel empfiehlt sich eine etwas molligere Unsterblichkeitswerdungsmethode: der Überzug mit kochender Lava. Diese Technik hat sich beispielsweise in Pompeji bewährt, wo jährlich Millionen von Touristen angereist kommen, um den sich lebend stellenden alten Römern die Hand zu schütteln.

Erfahrungsgemäß interessiert sich die Nachwelt immer für Kuriositäten. Wenn Sie also aus dem Einheitsbrei der lebendig Versteinerten hervorstechen wollen, empfiehlt es sich, in den letzten Augenblicken vor dem Einschlag der Lava-Lawine auf Toilette zu sitzen, ein Schaf zu ficken oder wenigstens in der Nase zu popeln. Besser wäre es allerdings, wenn Sie unseren Nachfahren eine Botschaft übermitteln würden, so wie Pompeji uns eine Botschaft hinterlassen hat: "Unzureichend ausgeschilderte Fluchtwege".

Dazu benötigen Sie:

Anleitung:

Flechten Sie ein Nest aus Stroh. Stellen Sie sich unter den aktiven Vulkan. Befestigen Sie das Nest auf der Rückseite des Zwergwüchsigen. Mixen Sie aus der Sahne, dem Rum, der Kokosnusscreme und dem Ananassaft eine Pina Colada (oder verwenden Sie alternativ ein Pina-Colada-Fertiggetränk). Setzen Sie sich nun in das gemachte Nest auf dem Rücken des kleinen Mannes, nehmen sie die Pina Colada in die eine, die Havanna in die andere Hand, und warten Sie den Vulkanausbruch ab. Seien Sie ein Symbol für diese unsere Zeit. Vielen Dank auch!

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