Das Magazin für Ziellose und solche, die es werden wollen

Der erste westdeutsche Arbeiter- und Bauernstaat auf ostdeutschem Boden

Gedanken und Ziele eines West-Ostalgikers

Eigentlich habe ich seit meiner frühesten Kindheit gewusst, dass die DDR der bessere zweier deutscher Staaten war. Mein Vater sagte damals zu mir: "Das DDR-Sandmännchen ist das bessere Sandmännchen". Und so schneite jeden Abend die niedliche kleine Puppe mit dem Walter-Ulbricht-Blick ins Wohnzimmer hinein, um mir ideologisch Sand in die Augen zu streuen.

Das allein hätte wahrscheinlich noch nicht gereicht, um mich zum Schreckgespenst unserer Gesellschaft heranwachsen zu lassen. Die meisten meiner Freunde guckten regelmäßig den kleinen Ost-Racker und sind heute wertvolle Stützen unseres Staates. Zum eigentlichen Symbol der imperialistisch-kapitalistischen Ungerechtigkeit sollte für mich "Big Jim" werden. Big Jim ist eine ca. 30 cm hohe Plastikfigur, die einen Karateschlag ausführt, wenn man ihr auf den Rücken drückt. Mein bester Freund hatte eine Big-Jim-Figur. Und er hatte sogar das große "Big Jim Sportscamper Wohnmobil" mit der kompletten Big Jim Sportscamper Ausrüstung (inklusive Lagerfeuer). Mein sozialistisch geschulter Geist sagte mir: "Alle Kinder haben das Recht, einen Big Jim zu besitzen". Meine Mutter war da anderer Meinung; sie entlarvte sich als revisionistische Schnecke. Außerdem hätte uns die Anschaffung eines Big Jim in den finanziellen Ruin getrieben. Also formulierte ich den zu meinem Lebensmotto gewordenen Satz: "Wenn nicht alle Menschen einen Big Jim besitzen dürfen, soll niemand einen Big Jim besitzen!" Mein bester Freund hat wohl bis heute noch nicht herausbekommen, wer in sein Big Jim Sportscamper Wohnmobil uriniert hat.

Von nun an sollte ich voll und ganz in den Idealen unseres Konkurrenzstaates aufgehen. Alleine schon, weil es im DDR-Fernsehen viel mehr Sportberichterstattungen gab. 1980 z.B. die Olympischen Sommerspiele in Moskau, die ich von morgens bis abends live verfolgte, weil mir ein imperialistischer Fingernagel eingewachsen war und ich die Sandkiste wegen der Infektionskrise boykottierten musste. Schade, dass da nur Männer an den Wettkämpfen teilgenommen haben. Und wie gerne denke ich an die unvergleichlichen Sonntagnachmittagsstunden mit Heinz Florian Örtel und der DDR-Zweitligaberichterstattung zurück. Ich war leidenschaftlicher Fan von Aktivist Schwarze Pumpe. Unvergessen das 4.1 gegen Aufbau Krumhermersdorf am 07. Dezember 1980 ...

Und dann sind da natürlich noch die Ostfrauen. Die erste Frau, die ich ... – nein, eigentlich habe zuerst für Annika aus "Pippi Langstrumpf" geschwärmt. Aber die war ja noch ein Mädchen. Was richtige Vollblutweiber betrifft: Als die anderen Frühpubertierenden sich noch an ihren Müttern und älteren Schwestern abarbeiten mussten, hatte ich schon die Rose von Gröningen für mich entdeckt. Angelika Unterlauf – der Traum meiner verzweifelten Nächte. Sie hat immer nur mich angeblickt, wenn sie in die jeweils aktuelle Kamera schaute. Und wenn sie sachlich verkündete, dass der Volkseigenen Legebatterie Halberstadt der Ehrentitel "Brigade der besten Qualität" verliehen wurde, hatte ich gehofft, dass sie hinter ihrer schockgefrorenen Fassade dabei nur ein meine besten Qualitäten denken würde ...

Auch äußerlich machte ich von nun an keinen Hehl mehr aus meiner Sympathie für den Arbeiter- und Bauernstaat auf der anderen Seite der Elbe. Frisch gebügelte Blauhemden gehörten zu meiner modischen Grundausstattung. Das FDJ-Emblem war im Westen leider verboten. Glücklicherweise fand ich auf dem Dachboden ein Abzeichen vom Nationalsozialistischen Schülerbund, das ich mir stattdessen auf den Ärmel nähen konnte. Den Unterschied merkte bei uns keine Sau.

In den Supermärkten stellte ich mich immer in der längsten Schlange an. Wenn es mir zu flott ging, bin ich unter dem Vorwand ausgeschert, etwas vergessen zu haben. Dann durfte ich mich noch mal anstellen. Einmal habe sogar einen Karton Bananen hinter einem Stapel Cola-Kisten versteckt. Zu Hause konnte ich dann sagen: "Bananen gab's keine." Meine Mutter erwiderte: "Das ist hier ja wie in der DDR", und ich war glücklich.

Inzwischen war ich also so verkorkst, dass meinen Eltern gar nichts anderes übrig blieb, als mich aufs Gymnasium zu schicken. Dort traf ich zum ersten Mal auf Gleichgesinnte. Wir lasen zusammen Marx und Engels und guckten jeden Montagabend den Schwarzen Kanal. Dass richtige DDR-Bürger so etwas niemals getan hätten, konnten wir damals noch nicht wissen. Und wenn wir durch die Straßen zogen und die Internationale grölten, und die empörten Bürger uns nachriefen: "Geht doch nach drüben!", haben wir mehr als einmal darüber nachgedacht, tatsächlich eines Tages bei Nacht und Nebel rüberzumachen ...

Dann war Abi und danach kam das reale Leben. Das reale Leben bedeutete reale Frauen. Frauen, die die Beine ganz eng zusammenpressten, wenn man sich mit ihnen über Räterepubliken und Kolchosen unterhalten wollte. Frauen, deren Rock wie von Geisterhand ein wenig hochrutschte, wenn man von D-Mark, Autos, Häusern und dann wieder von D-Mark sprach. Also lernte man, die DDR zu hassen. Stasi, Ausreiseverbot, Planwirtschaft – alles Mist. Der Biermann war zwar ein müder Klampfbruder im Vergleich zu unserem Degenhardt, aber der Rausschmiss, der war trotzdem nicht in Ordnung. Und wenn man ganz viel Bier getrunken hatte, hörte sich "Über sieben Brücken musst Du gehen" in der Maffay-Version vielleicht tatsächlich ein wenig besser an als bei Karat.

So erzog man sich also langsam um. Die Frauen kamen, die Frauen gingen. Die DDR ging auch. Der Kapitalismus blieb, und irgendwann musste sie ja einmal kommen – die Krise. Nun spricht sogar unser Bundespräsident davon, dass wir uns auf immaterielle Werte besinnen sollen. Also besinnen wir uns: Ostalgiker alter Länder, vereinigt Euch! Nie war der Zeitpunkt so günstig wie heute, um rüberzumachen. Die jungen Ossis sind ohnehin schon alle bei uns drüben, und die alten sind schon kurz vorm Wegsterben. Lasst uns eine neue, eine bessere DDR aufmachen. Wir Wessis haben doch schon immer alles besser gekonnt! Dann gönnen wir uns den Luxus und machen die Wagenknecht zu unserer Staatsoberhäuptin, nur um zu beweisen, dass im Sozialismus die Regierungschefinnen auch rattig aussehen können. Angelika Unterlauf schenken wir die Tagesthemen. Wolf Biermann lassen wir weiterhin ausgesperrt. Und Aktivist Schwarze Pumpe gewinnt die Champions League. Augenblicklich heißen sie FC Lausitz Hoyerswerda und spielen in der Bezirksliga Dresden. Das kann doch nicht gerecht sein ...

Sie sind der 421104251. Besucher seit Schopenhauer.   

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