Das Magazin für Menschen, die sich neu erfinden wollen

Die Wortartisten in der Zirkuskuppel – sinnlos

Kennen Sie den schon? Klopft ein Politiker an die Himmelspforte und bittet um Einlass. Petrus fragt ihn daraufhin: „Mein Sohn, was hast du zu Lebzeiten Gutes getan, das deine Einkunft bei uns rechtfertigen würde?“ Der Politiker überlegt eine Zeitlang, dann bittet er darum, sich mit seinem Pressesprecher beraten zu können. „Meinst Du so einen Kurzen, Unscheinbaren mit Brille und Geheimratsecken?“ fragt Petrus. „Ja, genau“, bestätigt der Politiker. Petrus lacht still in sich in hinein und sagt: „Da kommst du zu spät! Den hat der HERR dir abgeworben. Er brauchte unbedingt einen guten PRESSESPRECHER, der seinen Schäfchen erklären kann, warum ER Politiker wie dich geschaffen hat ...“

Pressesprechen kann man nicht lernen, zum Pressesprecher wird man geboren. Schon als Baby beobachtete ich, wie meine Altersgenossen schrieen und flennten, wenn sie ihre Windel vollgekackt hatten. Wie unangenehm – schon Freud wußte, dass die Fäkalien ein erstes Geschenk des kleinen Scheißers an seine Eltern sind – aber Geschenke müssen doch Spaß machen. Also kündigte ich die Früchte meiner Verdauung mit den werbewirksamen Worten: „Mama ... mmmmmh! Jammmi!“ an. Und tatsächlich öffnete meine Mutter meine Dreckswindeln jedes Mal mit einem beseelten Lächeln, als ob sie mit Myrrhe und Weihrauch gefüllt wären. Einmal tauchte sie sogar den kleinen Finger in den braunen Brei, rührte eine zeitlang selbstvergessen darin herum, schaute kurz nach rechts und nach links, ob irgendjemand sie beobachten könnte, und schleckte dann genüsslich ihre Fingerkuppe ab. Da begriff ich: Scheiße ist nicht nur warm, weich und freundlich – Scheiße ist sexy!

Spätestens in der Schule fing ich dann an, mich um die Scheiße anderer Menschen zu kümmern. Es gab einen Jungen in unserer Klasse, den alle hänselten und den niemand mochte. Er wurde von uns nur „Panzer“ genannt. Und da Panzer den Ärger anzog wie ein Kackhaufen die Fliegen, wurde er schnell mein wichtigster Geschäftspartner. Immer wenn er zum Direktor zitiert wurde, überlegten wir uns vorher eine Verteidigungsstrategie, die Panzer im rechten Licht dastehen ließ. Schulhofschlägereien verkauften wir als soziales Engagement, Drogenexzesse als Chemie-Projekte. Und als sich dann die vergewaltigte Klassenkameradin hinterher sogar noch vor der versammelten Schulleitung bei Panzer für seine Missetat entschuldigen musste, da wusste ich: Ich bin zu Höherem berufen.

Es blieb natürlich nicht aus, dass jemand wie Panzer mit all seiner kriminellen Energie und meinen Talenten schnell Fuß in Politik und Wirtschaft fasste und mir somit alle Türen offen standen. Es folgte die übliche Pressesprecher-Karriereleiter: ein bisschen Lokalpolitik mit Puffskandälchen hier, ein bisschen Wirtschaft mit ein paar Dioxintoten da. Und auch mal kurz in die katholische Kirche hineingeschnüffelt und klargestellt, dass klerikale Kinderficker immer noch besser sind als perverse Thai-Touristen, die die soziale Notlage einer fremden Kultur ausnutzen. Dann zwei Jahre bei der Polizei, das war schon ein größere Herausforderung – ich meine, verkaufen Sie mal ein paar Dutzend eingekesselter Jugendlicher, die mit Tränengas beschossen werden, als ernsthafte Gefahr für unsere demokratische Ordnung. Zum Glück hatte ich die rettende Idee, auf die Gören weiter gar nicht einzugehen, und stattdessen klarzustellen, dass unser Tränengas besonders umwelt- und klimaverträglich ist und eine Biozertifizierung besitzt. Da wurde dann sogar die Bundespolitik auf mich aufmerksam, natürlich die CDU – die SPD hatte ja schon ihren Sarrazin.

Scheiße schwimmt halt on the top, und überall, wo die Kacke am Dampfen ist, fühle ich mich daheim. Scheiße ist innovativ – denn sie befreit die Menschheit von ihren Altlasten. Scheiße stärkt die soziale Gerechtigkeit – denn über der Schüssel sind alle Menschen gleich. Und Scheiße ist zukunftsweisend – egal, wohin es geht: Hauptsache schnell weg von diesem Kackhaufen. Wenn meine labelloflexiblen Lippen honigweich das Hohelied der Fäkalsprache intonieren, glauben sogar Manager und Politiker plötzlich an die Richtigkeit ihrer eigenen Lügen.

Nur die Bundeswehr hat mich nie gereizt. Militärsprecher machen es sich viel zu leicht, ihre Wahrheiten zu verkaufen. Denn wer von der Journaille traut sich schon, Zweifel zu äußern, wenn zwei furchterregende Rekruten mit MP in der Hand den Ausgang bewachen? Aber nur unter Leistungsdruck entstehen Sprachdiamanten. Der Begriff „Kollateralschaden“ aus der Euphemismenschmiede des Verteidigungsministeriums ist ein gutes Beispiel. Auch wenn er freundlicher klingt als die korrekte Bezeichnung „sinnlos dahingemeuchelte Zivilopfer“, könnten wir Pressesprecher aus der freien Schreibe es uns niemals leisten, einen „Schaden“ zuzugeben. Denn kein Schaden ohne Nutzen! Hat der ohnehin schon vom Alltag geplagte Medienkonsument nicht das Recht auf eine Meldung wie: „Bei Befreiungsschlägen der Nato hat das Volk seinen ehrenvollen Beitrag geleistet, den feindlichen Truppen ihre Deckung zu entziehen.“ Zivilmorde sind Befreiungsaktionen, denn natürlich ist das Leben unter einem Unrechtsregime eine leidvolle Angelegenheit – und würden Sie einem gequälten Hund den Gnadenschuss verweigern?

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, wie gerne ich den Begriff „natürlich“ verwende. Probieren Sie es einmal zu Hause aus: stellen Sie jedem Ihrer Sätze das unscheinbare Wörtchen „natürlich“ voran, und sie werden schnell feststellen, dass Sie ohne jedes Argument durchs Leben gehen können. Denn wer will schon so dumm sein, zuzugeben, dass er eine andere Meinung hat als Mutter Natur, Gott und der Rest der Menschheit? Und wenn Sie doch einmal auf einen solchen Dämel treffen, sagen Sie ihm einfach, seine Argumentation wäre faschistisch, anarchistisch, protektionistisch, revisionistisch, islamistisch, terroristisch, klingonistisch, egoistisch, altruistisch, utopistisch, stammtischistisch oder schnellverpisstisch. Oder fragen Sie ihn einfach, ob es sein kann, dass er in irgendwelche Seilschaften des ehemaligen Politbüros verstrickt ist.

Wer das Wort hat, hat die Macht. Mögen die Politiker und Wirtschaftsbosse, Kirchenvertreter und Generäle auch im Rampenlicht stehen, ohne unsere Stimme sind nicht mehr als Muppetpuppen mit Tonausfall. Und wenn sich unser Chef ernsthaft mit uns anlegen will, wird er schnell merkeln, wer am längeren Bremshebel seines Rollstuhls sitzt ...

Ein guter Pressesprecher ist wie Kaufhausmusik – man kann sich bereits im nächsten Moment nicht mehr an ihn erinnern. (Außer im Falle des Kollegen Steffen Seibert – da denkt das Publikum immer sofort: „Ist das nicht der Kerl, der uns schon im „heute-journal“ nicht aufgefallen ist ...?“) Loyalität ist was für Wortgetreue und ein Chamäleon passt sich jedem kackbraunen Hintergrund in Sekundeschnelle an. Während in Berlin gerade der Minister gelyncht wird, in dessen Namen ich gestern noch die Zukunftssicherheit seiner Atomkraftwerke gepriesen habe, leite ich jetzt schon wieder die Pressekonferenz, mit der ich die Karre für die Atomindustrie aus der Scheiße ziehen werde: „Vielleicht mag den ein oder anderen Ewiggestrigen das Ereignis, dem wir seit einigen Tagen rund um das Kernkraftwerk von Biblis beiwohnen durften, ein wenig ängstigen. Doch unsere Evolution, die immer von einer hohen Mutationsrate des menschlichen Erbguts profitiert hat, wird durch diese zukunftsweisende Gelegenheit natürlich einen großen Schritt in die richtige Richtung machen.“

Viele meiner Kollegen erledigen ihren Job nur halbherzig, weil sie der Meinung sind, dass das Volk die Wahrheit gar nicht verkraftet. Da bin ich anderer Meinung: Das Volk hat ein Recht auf seine Wahrheit. Aber ich versuche ihm die Wahrheit so begreiflich zu machen, dass es die Wahrheit erst gar nicht begreifen will. Denn jedes Volk bekommt von mir die Scheiße, die es verdient ...

Sie sind der 762729538. Besucher seit dem Tod meiner Großmutter (Gott hab' sie selig).   

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