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Rede des scheidenden Tepco-Chefs Masataka Shimizu vor den Aktionären

Fukushima Daiichi, 11.05.201


Ehrwürdige Knorpelfische des Geldes, die sie unserem nichtswürdigen Unternehmen im festen Glauben an unsere unfehlbare japanische Technologie stets treu zur Seite standen ...

... auf den Tag genau zwei Monate ist es her, dass unsere winzigen Atomreaktoren wackelten wie Ume-Pflaumen auf dem Bauch eines lachenden Buddhas. Und so, wie das glockenklare Glucksen des großen Siddhartha uns in eine heitere Stimmung versetzt, sollten wir das unerwartete Ereignis als eine freudvolle Lektion betrachten, die uns alle dem Mittelpunkt unserer ehrwürdigen Mutter Erde wieder näher bringen sollte.

Meine eigene Wenigkeit erinnert sich voller Scham an meinen ersten Besuch unseres Unternehmens, kurz nachdem die Erde aus ihrer Meditation erwacht war. Meinen unwürdigen, altersgetrübten Augen bot sich ein Szenario des Schreckens; Tränen liefen mir über die Wangen, und ich fragte mich: Warum? Warum nur habe ich meine Sammlung altehrwürdiger europäischer Weine ausgerechnet in der Kühlanlage des Reaktors lagern müssen?

Es waren jene tapferen und entschlossen Männer in der Kommandozentrale, die mir ein unschuldiges Lächeln auf meine eigenen profitverkniffenen Lippen zurückzauberten. Jene Männer, gegen die meine eigene Wenigkeit wie ein mikroskopisch kleines Goldstaubpartikel auf einer riesigen Bambus-Fußmatte wirkt. Jene Männer, die während meines Besuches in ihrem ehrwürdig todbringenden Büro vor sich hin tollten wie kleine Lausbuben bei dem ersten Besuch ihrer Geisha, und die sich gerade gegenseitig übertrumpften, Yul Brynner zu parodieren. Auf meine Frage, ob es ihnen angesichts der flinken Verstrahlung nicht die Fußnägel hochklappe, antwortete der Erste mit einer tiefen Verbeugung: „Ich habe gar keine Fußnägel mehr.“ Der Zweite verbeugte sich noch tiefer und sprach: „Ich habe gar keine Füße mehr“. Der Dritte fiel bei der Verbeugung zu Boden und schwieg. Er klagte aber auch nicht.

Diese ehrenvolle Episode sollten sie in ihren geldwürdigen Herzen wägen, denn auch in den verschrumpeltsten Kirschen steckt oft eine gehörige Portion Weisheit. Natürlich mag es ihnen angemessen erscheinen, meine eigene Wenigkeit mit den Panikverkäufen ihrer Aktien oder einem frisch geschliffenen Samurai-Schwert zu strafen, und niemand mehr als meine eigene Unwürdigkeit würde sich für die Aufmerksamkeit bedanken, die sie meinem alten, unnützen Leib damit schenken würden. Jedoch sollten sie niemals den festen Glauben an unsere unfehlbare japanische Technologie verlieren.

„Das Sushi ist noch lange nicht gelutscht!“, wie unser Management zu sagen pflegt. Durch kleinere Umstrukturierungen innerhalb des Konzerns wird es uns schnell gelingen, ihrer Geldschatulle wieder ein frohes Lächeln zu entlocken. Drei neue Holdings werden die Angebotspalette unseres Unternehmens erweitern:

1) Wir haben eine große Baufirma aufgekauft, die sich einzig und allein um die Sanierung beschädigter Atomreaktoren bekümmert. Die Auftragslage ist mindestens für die nächsten dreißig Jahre gesichert.

2) Wie werden in der Nähe der beschädigten Meiler ein großes Kur-Krankenhaus für Krebspatienten eröffnen. Von uns in Auftrag gegebene Studien werden beweisen, dass natürliche Hintergrundsstrahlung in Fukushima Daiichi eine millionenfach größere Heilkraft besitzt als herkömmliche Strahlentherapien. Zugleich können wir den Patienten anbieten, sich während ihres Kuraufenthaltes als Mitarbeiter unserer Sanierungsfirma ein wenig Taschengeld hinzuzuverdienen.

3) Wir werden in die Gentechnologie einsteigen. Mutationen sind bekanntlich der Motor der Evolution. Und überall dort, wo viel Schatten ist, findet sich irgendwo auch ein eine Japsen-Kamera mit eingebautem Blitz: Der unerwartete Störfall in unseren Kernkraftwerken wird es uns gestatten, einen ehrwürdigen Blick in die Zukunft des Menschen zu erhaschen. Japaner, die aussehen wie Godzilla, Japaner, die aussehen wie Micky Maus, Japaner, die aussehen wie Konrad Adenauer, ja, sogar Japaner, die aussehen wie ganz normale Japaner – nichts erscheint im Zeitalter einer millionenfach beschleunigten Genmutationsrate unmöglich. Und der japanischen Frau sei versprochen: Es wird sogar Japaner mit großen Gemächt geben.

Die Erschließung dieser drei Marktsegmente wird den ehrwürdigen Mammon in die Taschen unserer stets treuen Förderer spülen, wie unsere hochtechnologisierten Pumpen das verstrahlte Kühlwasser in die klammen Tiefen unseres heiligen Meers gespült haben. Und der blutrote Strahl der untergehenden Sonne möge sich in den Bäuchen der tot auf den Wellen treibenden Kugelfische brechen, wenn ihre Kinder und Kindeskinder zukünftig unbeschwert an den Privatstränden ihrer Familie spielen und mit vollen Händen das Geld ihres ehrwürdigen Vaters ausgeben, während sie sich mit der dritten an ihrem blasenübersäten Rücken kratzen.

Nun, da das Feld soweit bestellt ist, dass der Tee auch ohne meine eigene Überdrüssigkeit wird ziehen können, muss ich mich leider von ihnen verabschieden, denn eine schwere Krankheit zwingt mich, vom ehrenvollen Posten des Direktors zurückzutreten. Meine eigene Scheußlichkeit wird seine schlimme Kritikallergie im Land der durchstartenden Automobile auskurieren. Und als zukünftiger Berater eines großen Energiekonzerns werde ich den Glauben an die unfehlbare deutsche Technologie hoffentlich niemals verlieren, wie auch sie den Glauben an unsere unfehlbare japanische Technologie niemals verlieren sollten.

Meine eigene Schmierigkeit verbeugt sich tief vor diesem ehrwürdigen Auditorium, schiebt seinen Kimono hoch und verabschiedet sich mit dem globalen Gruß: „Kiss my ass!“

Sie sind der 645926499. Besucher seit dem Tod meiner Großmutter (Gott hab' sie selig).   

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