Das Magazin für Innehaltbereiche in Innenstadtbereichen

Leoparden im Hinterhof!

Ohne ihre obligatorische Tasse Kaffee ist die Kanzlerin zu nichts zu gebrauchen. Die Thermoskanne birgt nur noch einen schalen Rest vom Vortag. Also ist ihr Ehemann Joachim erst später nach Hause gekommen und liegt noch faul im Bett. Da würde sie wohl selber Kaffee kochen müssen. Die Kanzlerin füllt den Wasserkocher auf und reibt sich mit dem Zeigefinger flüchtig den Plaque von den Zähnen. Da sie keinen Spiegel in ihrer Küche hat, will sie sich in der Reflexion des Küchenfensters vom Resultat ihrer Bemühungen überzeugen, als ihr plötzlich aus dem Hinterhof ein Panzerrohr entgegenstarrt.

Mit den Worten: "Oh, mein Gott, ich sollte abends nicht mehr so viel Wodka trinken", versucht sich die Kanzlerin wieder in die Realität zurückzuholen. Doch die Kanone lächelt ihr immer noch hartnäckig ins müde Gesicht. Und was noch viel schlimmer ist: als die Kanzlerin ihre Augen gerade auf Weitsicht akkomodiert hat, erkennt sie hinter dem einen Panzer, der sich treu vor ihrem Fenster aufgepflanzt hat, noch weitere Schützenfahrzeuge, die ihr freudig mit ihren Kanonenrohren zuwedeln. "Joachim! Warst du verdammter Nichtsnutz von einem Ehemann gestern wieder mit meiner VISA-Karte unterwegs und hast Männerspielzeug eingekauft?!" Wütend stürmt die Kanzlerin in Joachims Schlafzimmer. "Ach, ist dir Chantal im Badezimmer über den Weg gelaufen?" Ihr Gatte will sich gerade wieder auf die andere Seite rollen, aber die Kanzlerin drangsaliert ihn gnadenlos aus dem Bett und zeigt aus dem Schlafzimmerfenster: "Von wegen Chantal ... ich rede von diesen vielen Panzern da draußen!" – "Schnuppelhase! Hast du schon gesehen?", ertönt eine quietschende Frauenstimme aus dem Gästebad. "Da stehen lauter Panzer in eurem Hinterhof." Die Kanzlerin reißt die Tür zum Badezimmer auf und zerrt das Flittchen an ihren falschen blonden Haaren heraus. "Seid ihr für diesen Blödsinn verantwortlich?" Die Prostituierte schüttelt energisch den Kopf. "Als wir gekommen sind, standen da noch keine Panzer herum. Und als wir zum zweiten und dritten Mal gekommen sind, auch noch nicht. Aber natürlich hatte ich auch nur Augen für meinen Schnuppelhasen!" Mürrisch rammt die Kanzlerin Chantals Kopf mehrmals gegen die Wand und murmelt: "Wo habe ich denn mein Handy?" Von der Blutspur an der Tapete sichtlich eingeschüchtert, reicht ihr Joachim das Kanzlerfon. "Wie war doch gleich die Geheimnummer vom Pofalla?" Hektisch tippt die Kanzlerin ein paar geheime Zahlen in ihr Telefon. "Ronald? Du musst sofort kommen! Die haben Scheiße mit meiner Bestellung gebaut!"

Zehn Minuten später klopft es an die Wohnungstür. Chantal hatte inzwischen Kaffee gekocht, bevor sie von zwei diensteifrigen Bodyguards endgültig beseitigt wurde. "Endlich!" ruft die Kanzlerin und pustet in ihre Tasse, während Pofalla mit einer Tüte Brötchen und der BILD-Zeitung in der Hand die Küche betritt. "Entschuldige, Angela, aber weißt du, dass da mindestens zweihundert Panzer in deinem Hinterhof stehen?" – "Natürlich weiß ich, dass die dummen Panzer da rumstehen. Aber eigentlich hatte ich zweihundert Gartenzwerge bestellt." – "Und wenn du die zweihundert Panzer einfach dekorativ aufbaust?" Die Kanzlerin schüttelt vehement den Kopf: "Die sind NATO-grün lackiert. Ich wollte heute aber meinen neuen sandfarbenen Hosenanzug anziehen." Der Kanzleramtschef kramt sein tragbares rotes Telefon heraus: "Otto? Wir haben hier eine Staatskrise! Könnt ihr mal ganz schnell 200 Panzer sandgelb umspritzen? Und by the way: Wer von euch Holzköpfen ist eigentlich dafür verantwortlich, dass Angela 200 Panzer statt 200 Gartenzwerge in ihrem Hinterhof stehen hat? ... Ach, ich selbst? ... Die ‚Leopard-Bestellung’ letzte Woche? Aber ich dachte, das wären Gartenzwerge ... ach so, die werden in der Bestellliste als ‚Leopold’-Zwerge geführt?! Das muss ja zwangsläufig zu Verwechslungen führen! Macht unbedingt den Trottel ausfindig, der für diese verfxxxten Bestelllisten zuständig ist!" – "Hört mal zu, ich will hier keine Panzer in meinem Hinterhof stehen haben!" Joachim fuchtelt aufgeregt mit der Milchtüte in der Hand umher. "Wisch dir erst mal den Milchbart ab und zieh dir was Ordentliches, bevor du hier den großen Zampano markierst!", maßregelt ihn die Kanzlerin. "Aber prinzipiell hat mein Mann natürlich recht. Meine Gartenzwerge würden viel zu militant zwischen den ganzen Panzern wirken. Die Leos müssen weg!" Pofalla zuckt hilflos die Schultern, während im Hintergrund eine Hundertschaft parlamentarischer Staatssekretäre mit dem Umlackieren der Fahrzeuge beginnt. "Ich will schauen, was sich machen lässt ..." Der Kanzleramtschef greift erneut zum Hörer des roten Telefons: "Wladimir, altes Haus, hör zu, ich habe hier ein Top-Angebot nur für dich! 200 Leopard-Panzer zum absoluten Wegwerf-Preis ... Welche Farbe? Ein freundliches Sandgelb ... Könnt ihr gerade nicht gebrauchen? ... Verstehe, Tannengrün oder Schiefergrau wären da natürlich praktischer. Die Flecke kriegt ihr ja sonst nie wieder raus ... Ali wer? ... Ach, so? ... Würdest du das für mich tun? ... Das ist natürlich ein Selbstabholer-Angebot! Und wir wollen als Gegenleistung 200 Gartenzwerge ... Nein, die Größe ist nicht so wichtig, aber sie sollten nicht zu mürrisch gucken – du kennst doch die Alte ... Wenn sie morgens schon gleich in 200 mürrische Gesichter starrt, hängen ihre Mundwinkel noch weiter nach unten, wenn sie ins Büro kommt ... Okay, Wladimir, ist immer wieder schön, mit dir Geschäfte zu machen." Erleichtert legt Pofalla den Hörer auf die Gabel: "Alles klar, in fünfzehn Minuten kommt jemand, der die Panzer abholt. Aber das bleibt unter uns, Angela, du weißt doch, wie die Öffentlichkeit sich wegen jedes kleinen Waffendeals sofort aufregt ..."

Eine Viertelstunde später versperren 40 Lastzüge den Kupfergraben. Skeptisch blickt die Kanzlerin aus dem Wohnzimmerfenster. "Sag mal, Pofi, sind das nicht arabische Schriftzeichen auf der Seitentür? Du weißt doch, dass wir keine Panzer in den Nahen Osten vertickern dürfen!" Pofalla wiegelt ab: "Das ist Kyrillisch. Ganz bestimmt." Einer der Fahrer klingelt bei Kanzlers an der Tür: "Salem aleikum, Perle des Okzidents, du müssen unterschreiben hier und hier und hier!" – "Moment, bitte! Ich würde vorher doch gerne mal die Gartenzwerge kontrollieren, bevor ich hier irgendwas unterschreibe." Die Kanzlerin kann eine harte Verhandlungspartnerin sein, wenn es um ihre eigenen Interessen geht. Der Fahrer schlufft zu seinem Truck zurück und holt eine Kiste mit Musterzwergen. "Aber die haben ja gar keine Zipfelmützen auf!" – "Bitte?" – "Zipp – fell – müt –zen. Mützen mit Zipfeln dran. Zipfel, Spitzen, SCHNIPIS ...!" – "Frau mit dicker Ader auf der Stirn muss nicht schreien. Mustafa guter Mann. Mustafa gläubiger Mann. Gartenzwerge auch gute gläubige Gartenzwerge von Islam, tragen gute islamische Turbane auf Kopf. Vater von Mustafa blind. Muss arbeiten bis tief in die Nacht um machen gute Gartenzwerge. Frau von Mustafa bei Brennen von gute Gartenzwergen in Ofen gefallen. Mustafa muss zwei Kinder verkaufen, um Ton zu bezahlen. Nun fünf Kinder von Mustafa warten zu Hause, gute Kinder, hungrige Kinder ..." – "Ist ja schon gut. Ich nehme die Gartenzwerge. Aber sehen sie zu, dass sie die Panzer aus meinem Hinterhof schaffen!" Was für ein Tag! Restlos bedient kehrt die Kanzlerin zu ihrer Tasse Kaffee zurück. Hoffentlich bekommen die Medien keinen Wind von der Sache. Die Geschichte würde ihr doch nie jemand glauben. Und schon gar nicht die Opposition. "Halt warten sie!" ruft sie dem Fahrer aus dem Fenster nach: "Haben Sie eventuell noch einen gutgläubigen Maulkorb für mich, damit ich bei ungläubigen Fragen meine Klappe halten kann?"

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