Das Magazin für die Wahrung des guten Geschmacks

Arthritische Baby-Raptosaurier „Made in Germany“

„Sind so kleine Hände“, sang einst Bettina Wegner. Und es war’n so kleine Hände, die das Qualitätssiegel „Made in Germany“ erst möglich machten. Millionen flinker Kinderhände webten in kindlicher Unbekümmertheit unbefleckte Stoffe, bis sie vor Liebe blutig waren (die Hände, nicht die Stoffe). Millionen aufgeweckter Kinderköpfe verwandelten die lärmigen Fabrikhallen in einzigartige Abenteuerländer und die dunklen Grubenschächte in einen Hort voll Nibelungen. Heute jedoch sind diese kleinen Hände längst verkümmert. Wie arthritische Raptosaurierklauen wirken die kleinen Hände, wenn sie die Spielkonsole linkisch umklammern oder mit ungelenker Gewalt Krickelkreise in die Mengenlehreklausur malen.

Während sich Länder wie Indien, China, Mexiko oder Indonesien liebevollst um die Feinmotorik ihrer jüngeren Mitbürger kümmern und mit dem Erfolgsmodell „Kinderarbeit“ inzwischen den Sprung unter die G-20 geschafft haben, zwingen wir unsere Kleinsten, ihre kostbare Jugend mit Klavierspielen, Internet und Bildung zu verschwenden. Kein Wunder, dass wir unser Land mit diesem anachronistischen Laissez-faire an den Rand des gesellschaftlichen Kollaps führen. Nicht nur, dass wir mit Kinderarbeit Millionen Kita-Plätze und Tausende Lehrerstellen einsparen könnten – es würde endlich wieder ein Miteinander der Generationen geben, wenn die Kinder ihren Eltern bei der Arbeit helfen würden. Es würde den Dialog fördern, wenn der Steppke seinem Vater zuriefe, ob „noch Saft auf der Dose“ ist. Und es würde das gegenseitige Vertrauen stärken, wenn die kleine Schwester den Schreibtisch vom Chef hochstemmt, während ihre Mutter darunter saugt (wobei sie gleichzeitig ganz unverklemmt das Geheimnis der menschlichen Sexualität ergründen kann). Der Bezug von Hartz-IV-Leistungen würde quasi entfallen: Selbst der kaputteste Asoziale wird es ja wohl noch gebacken kriegen, einen Haufen kleiner Lohnsklaven in die Welt zu setzen, die ihm dann seinen Alkoholkonsum finanzieren. Und dann wäre da auch noch der Aspekt der Volksgesundheit: Forschungsstudien aus Fernost beweisen, dass Kinder, die täglich zehn Stunden Fließbandarbeit leisten, deutlich weniger unter Übergewicht leiden als ihre europäischen Vergleichsobjekte, die den ganzen Tag nur faul und oftmals gegen ihren Willen in der Schule abhängen.

Doch als Rufer in der Wüste steht man heutzutage ziemlich alleine da. Nur weil ich die produktiven Kräfte meines Sprösslings beizeiten fördern möchte, titulieren mich die meisten unserer Nachbarn als „Kinderhasser“, „Ausbeutersau“ und „Arschgeige“ – die anderen reden erst gar nicht mehr mit mir und terrorisieren mich, indem sie mir das Jugendamt auf das Hals schicken.

„Stimmt es, dass ihr sechsjähriger Sohn Tim mehr als 40 Wochenstunden arbeiten muss?“ Der stechende Sozialpädagoginnenblick prallt an meiner gestählten Weltanschauung ab. „Was mischen sie sich eigentlich in unsere Privatsphäre ein? Wenn sie jemanden suchen, der seine Kinder misshandelt, dass versuchen sie es doch zwei Häuser weiter: Dort zwingt ein Vater seinen Sohn, mehrmals in der Woche auf einem Sporttrampolin herumzuhüpfen. Das Gerät ist rundherum auch noch mit einem Fangnetz gesichert – der Kleine muss sich wie in einer Gefängniszelle vorkommen!“ Doch immer wenn diesen Bürokratenhansels die Argumente ausgehen, kommen sie auf irgendwelchen Willkürsparagraphen dahergeritten: „Und wie will ihr Sohn seiner Schulpflicht nachkommen?“

Mein Sohn Tim soll nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen. Wozu braucht er später denn noch den Satz des Pythagoras oder die vier Hauptsätze der Thermodynamik, wenn er noch nicht einmal weiß, wie man Trinkgelder abrechnet oder Überstunden anhäuft? Deshalb habe ich mich an seinem fünften Geburtstag mit ihm zusammengesetzt und eine aussagekräftige Bewerbungsmappe zusammengestellt. Das Vorurteil, dass Kinder heutzutage nicht mehr belastbar seien, gestalteten die Jobsuche jedoch schwieriger als gedacht. „Machen sie sich keine Sorgen um die Belastbarkeit meines Sohnes – der trägt mir jeden Tag meine Bierkästen in den fünften Stock hoch.“ Bäckermeister Geschwärztername, der als einer der wenigen Tim zum Bewerbungsgespräch eingeladen hatte, sah meinen auf dem ersten Blick sehr filigran wirkenden Jungen ungläubig an. „Tim hat das Glück, mit ADHS ausgestattet worden zu sein. Er ist schon morgens um drei kaum zu bändigen und ersetzt ihnen spielend jede Knetmaschine. Außerdem kann er aufgrund seiner geringen Körpergröße zur Gänze in ihren Holzkohleofen hineinklettern und ist jetzt schon Feuer und Flamme, die heißen Aschereste herauskehren zu dürfen.“ Dieser unglaublichen Qualifikationen zum Trotze, komplimentierte uns der feiste Bäcker hinaus, wobei er sich irgend etwas wegen des „Hauptzollamts“ in den Bart nuschelte.

Auch der Dachdecker Geschwärztername zeigte sich störrisch. Dabei ist Tim behände wie eine Katze – er besserte sein Taschengeld damit auf, indem er Grundschüler von Bäumen aus ansprang und ihnen die Kohle für die Pausenmilch stiebitzte. Außerdem beschädigt er aufgrund seines geringen Körpergewichts natürlich weniger Ziegel, wenn er auf dem Dach rummalocht. „Aber bei der kleinsten Windböe macht der Lütte hier doch den Abflug“, warf der bornierte Dachdeckermeister ein und wich auch nicht von seiner ablehnenden Haltung ab, als ich ihm versicherte, dass Tim noch genügend Cousins und Cousinen hätte, die im Falle seines Falles jederzeit für ihn einspringen könnten. „Jetzt machen sie mal ’nen Abflug, bevor ich noch die Polizei rufe!“

Für unser letztes Vorstellungsgespräch in einer Frauenarztpraxis hatte ich mich etwas besser vorbereitet und so schlug ich Dr. Geschwärztername eine revolutionäre Geschäftsidee vor: „Wenn die Frauen da so liegen, kann mein Sohn doch problemlos in sie hineinschlüpfen. Sie brauchen danach nur noch eine ungewollte Schwangerschaft zu diagnostizieren und verdienen sich an den notwendig gewordenen Abtreibungen eine goldene Nase.“ Dr. Geschwärztername wollte das nicht mit seinem Berufsethos vereinbaren. Trotzdem hat er Tim dann eingestellt. Jetzt hängt mein Sohn den ganzen Tag in einer Spielecke in der Praxis herum und soll die Patientinnen animieren, mit seiner gespielten Niedlichkeit ihren Kinderwunsch zu intensivieren. An Schwangeren verdient sich Dr. Geschwärztername nämlich auch eine goldene Nase. Tim fühlt sich in seinem Beruf fürchterlich unterfordert, und wenn er sich weiterhin so kindisch aufführen muss, ist der Boreout nur eine Frage der Zeit. Aber der Job ist immer noch besser, als auf der Straße rumzuhängen und mit den anderen Kindern rumzubolzen. Außerdem wird er mit dem Rüstzeug, das er in der Praxis mitbekommt (Zynismus, schauspielerische Fähigkeiten und ein ganzer Sack voller verschreibungspflichtiger Medikamente), bei „DSDS Kids“ in ein paar Jahren mächtig punkten können ...

... sind so kleine Ärsche.

Sie sind der 85774597. Besucher seit Ihrer letzten Geschlechtskrankheit.   

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