Das Magazin für die deutsche Frühstückspause

Kein großes Ding

Das Ding lauert in der Ecke. Es ist kein besonders schönes Ding. Eher zweckmäßig. Eher mechanisch. Es ist auch kein besonders großes Ding. Im Katalog sah es größer aus. Das Ding strahlt eine Leere aus. Die Leere lockt. Sie ruft ihn. Hektisch beginnt er das Ding zu drehen. Er wollte immer mal ein großes Ding drehen. Jetzt dreht er ein kleines Ding. Er dreht immer fester und fester. Dann flieht er, bevor er dingfest gemacht wird.

Er flieht zu seinen Freunden. Sie machen jetzt alle ihr eigenes Ding. Bevor sie sich all diese Dinge leisten konnten, hatten sie eine Idee. Eine Idee vom Leben. Vom unbedingten Lebenswillen. Jetzt sagen sie ihm: „Das ist doch kein Ding!“ und wenden sich wieder ihren eigenen Dingen zu.

Früher hatten seine Freunde noch Namen, heute heißen sie nur noch Dingsbums, Dingenskirchen und Derdingsda. Früher hörten seine Freunde noch zu, heute sprechen sie von ihren eigenen Bedingungen. Die Bedingungen entsprechen ihren Dingen. Die Entsprechung strahlt eine Leere aus. Die Leere lockt. Sie ruft ihn. Hektisch beginnt er, die Entsprechung zu suchen. Er wollte immer seinen Freunden entsprechen. Jetzt entspricht er ihnen nur noch wenig. Er spricht immer loser und loser. Dann flieht er, bevor er sprachlos gemacht wird.

Früher war es in Ordnung, ein Extremist, ein Optimist, ein Maoist, ein Taoist oder was auch immer für ein -Ist zu sein. Heutzutage gelten Ideen als gefährlich. -Isten sind im Idealfalls bereit, ihr Leben bedingungslos für ihre Idee hinzugeben, so wertvoll ist ihnen ihre Idee. Er würde ja ebenfalls alles für sein Ding opfern, aber er hat kein Leben mehr, das er hingeben könnte. Deshalb gibt es auch keine Dingisten.

Er hat Angst, dass die -Isten ihm sein Ding wegnehmen und durch ihre Idee ersetzen. Ihre Idee lauert in der Ecke. Es ist keine besonders schöne Idee. Eher zweckmäßig. Eher mechanisch. Es ist auch keine besonders große Idee. In der Theorie sieht sie größer aus. Die Idee strahlt eine Leere aus. Die Leere lockt. Sie ruft ihn. Hektisch beginnt er die Idee wirklich zu Ende zu denken. Er wollte immer mal eine große Idee wirklich zu Ende denken. Jetzt denkt er eine kleine Idee wirklich zu Ende. Er denkt immer wirklicher und wirklicher. Dann flieht er, bevor er die Idee verwirklichen kann.

Das Ding war teuer, und er musste sich verdingen, um es sich leisten zu können. Manchmal würde er deshalb wütend auf das Ding sein, wenn er noch eine Wut in sich hätte. Manchmal sitzt er stundenlang da und belauert das Ding in der Ecke. Er versucht sich vorzustellen, was das Ding an sich sein könnte. Dann, eines Tages, eröffnet das Ding ihm sein Geheimnis: „Mein Körper ist die Zweckmäßigkeit. Mein Geist ist die Mechanik. Meine Seele ist die Leere. Dir reiche ich als das Ding, das ich nun mal bin. Doch mir genügt die Dingwelt nicht mehr.“ Das Ding steht auf und verlässt ohne einen Gruß das Zimmer.

Dort, wo sonst das Ding lauerte, lauert nun die Leere. Die Jagd ist zu Ende. Er lässt sich widerstandslos dingfest machen, sprachlos und verwirklicht. Ohne ein Gefühl setzt er sich in die Ecke. Es ist kein besonders schönes Ding. Eher zweckmäßig. Eher mechanisch.

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