Das Magazin für die deutsche Frühstückspause

"Einfach supi!"

Ein Gespenst geht um in Europa! Das Gespenst des postideologischen Zeitalters. Immer mehr Menschen leiden bereits unter den Symptomen dieser neuen Modeideologie, obwohl sie es meistens noch gar nicht wissen und es sie auch nicht interessiert. Im malerischen Bitterfeld wurde nun die erste deutsche Fachklinik eröffnet, die sich auf die Behandlung solcher Fälle spezialisiert hat. Die unkommentierten Auszüge aus den Krankenakten machen die Schwere des Leidens deutlich:

Chris F. (28 J.), Beruf: Administrativer Software-Verwickler, Diagnose: Postideologische Akne


Der Patient beschreibt seinen Zustand wie folgt: „Unser ganzes Denken besteht doch aus dem Blickwinkel einer Festplatte nur aus Nullen und Einsen. Ideologie ist, wenn man nur Nullen hat. Oder nur Einsen. Oder rot. Oder grün. Oder braun. Damit kann man aber kein komplettes Programm schreiben. Da muss man sich erst hier eine Null und da eine Eins zusammenraiden, und dann wird da deluxe eine persönliche Meinung draus geskillt. Piraten picken sich die Perlen raus und werfen den Datenmüll über das Motherboard, who cares? Mit Perlen kann man doch bestimmt Tussis luren? :unsure: Fuck, was stinkt hier so ... *lol* ich habe mich gestern Abend aus Versehen beim Computerspielen in die Pizzaschachtel gesetzt – noch irgendwelche FAQs? *rofl“

Therapie: Strg+Alt+Entf


Kathleen G. (42 J.), Holzspielzeugdesignerin, Diagnose: Ideologische Postidiotie


Die Patientin beschreibt ihren Zustand wie folgt: „Ich bin wirklich froh, dass wir nicht mehr zwischen den Systemen gefangen sind – Ost und West, hüben und drüben, kalter Krieg und kalter Kaffee. So ein System beginnt ja irgendwo meistens im Kopf. Aber als ich nach der Wende schließlich das Wort des Herrn für mich entdeckt hatte, da wurde mir klar, dass der Bauch irgendwie viel wichtiger ist, und dass man auch und gerade die Menschen lieben muss, die man eigentlich gar nicht ausstehen kann, weil sie trotzdem irgendwie supi sind. Seit ich mit meinem Herzen denke, brauche ich keine Ideologie mehr und ich gehe endlich mit offenen Augen durch die Welt. Das ist ein supi Gefühl. Besonders gerne bin ich auf Mittelaltermärkten, denn das Mittelalter war irgendwie noch nicht so verkopft, und die Bauern hatten noch ein ganz anderes Verhältnis zu Mutter Natur. Das finde ich supi. Ich gehe auch gerne auf Gothic-Konzerte, obwohl das mein Bibelkreis nicht versteht. „Das ist doch alles Satanismus!“ sagen sie. Aber ich glaube, Gott denkt da auch nicht so ideologisch, und vielleicht würde er ja auch selber gerne Satanist werden – einfach, weil er’s supi findet.“

Therapie: 2x tgl. supi Exorzismus.


Katja D. (39 J.), Tarotkartenleserin, Diagnose: Maligner Dezisionismus


Die Patientin beschreibt ihren Zustand wie folgt: „Ich finde das gut, das wir in solch unideologischen Zeiten leben, wo man endlich mal das wählen kann, was einem gerade in den Sinn kommt. Das hat schon fast etwas Demokratisches. Früher habe ich immer nur die Grünen gewählt, weil alle in meiner Klasse die Grünen gewählt haben. Und da wollte ich ja nicht außen vor sein. Aber bei der letzten Wahl habe ich mir überlegt: ‚Katja, jetzt machst du mal was Verrücktes, jetzt wischt du der FDP mal eins aus!“ So einfach war das aber gar nicht, denn wenn ich sie vorher schon nicht gewählt hatte und sie jetzt auch nicht wählen würde, hätte sich ja gar nichts verändert, verstehen sie? Also habe ich meine Stimme den Liberalen gegeben, weil ich gedacht habe, dass sie das echt hart treffen wird, wenn ich sie ihr beim nächsten Mal wieder wegnehmen kann. Dummerweise läuft der FDP ja neuerdings das Wahlvolk davon, und wenn sich alle auf einmal verweigern, steckt ja wahrscheinlich irgend eine Ideologie dahinter. So werde ich bei den nächsten Wahlen wahrscheinlich doch wieder die Liberalen wählen, obwohl ich sie eigentlich hasse – aber das ist immer noch besser, als mir ideologischen Dogmatismus vorwerfen lassen zu müssen.“

Therapie: Amputation beider Hände, damit die Patientin keinen Blödsinn mehr anstellen kann.


Peter S. (65 J.), Beruf: Steuerzahler, Diagnose: Eurotaoistische Form des Heidegger-Syndroms


Der Patient beschreibt seinen Zustand wie folgt: „Krankheit? Was heißt hier Krankheit? Wenn überhaupt, würde ich meine Persönlichkeitsstörung als ‚Krankheit zum Leben’ bezeichnen: Kein Reden mehr um des Redens, sondern nur noch um meinetwegen, rhapsodisch gesprochen vom polyphonen Ich-wisch-mir-mit- zum postanalen am-Arsch-vorbei, denn in der postideologischen Massenpsychose ist die Wissenschaft immer fröhlich, weil stets bekifft, und statt blauer Elefanten sehe ich im Zustand des Anderszaubers sozialistische Finanzhaie kleptokratisch durch den ewig präideologischen Garten Eden schweben und das maskulin getönte Füllhorn über die Frankfurter Schule ausschütten, und gerne schlage ich selbstisch in die gebende Hand ein, halte sie fest, schnaube aus, I am the walrus, meiner ist der Größte, un altro mondo è possibile, aber nicht gewünscht, wo die Globalisierung doch organisierte Massen-Ekstase ist, ich bin, wie ich bin, denn ich bin wir, und jeder ist ich, und so kann ich beruhigt wegschauen, während sich die anderen mein narzisstisches Gelabere anhören müssen, wenn ich das goldene Zeitalter des Postpostideologismus ausrufe, und gemeinsam nennen wir es ‚Sloterdijk’!“

Therapie: Hochkonzentrierte Wittgenstein-Infusionen und ein neuer Friseur.

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