Das Magazin für Totgesagte und alle, die länger leben wollen

Götterdämmerung

aus: "Faktenwissen Geschichte für die Sekundarstufe“, Posteuropäischer Schulbuchverlag New-Berlin, 14. Auflage im Jahre 2198, S.104 f.



Faktenwissen 158: Die Monetheistische Religion in der feierabendländischen Geldkultur


Der Mensch des 21. Jahrhunderts glaubte an ein höheres Finanzwesen, das die Welt in sechs Tagen schuf. Am siebten Tag wandelte er sie dann in eine Aktien AG um. Seine Anhänger waren gläubig, das Finanzwesen war ihr Gläubiger. Die Glaubenssätze wurden im sogenannten "€“ auf Wertpapier niedergelegt. Im "Altklugen Testament“ finden sich die "Zehn Gebote“ (ein Aktienportfolio) und diverse Profitzeiungen. Im "Neureichen Testament“ wird geschildert, wie das Finanzwesen seinen offenbarungsvereidigten Sohn zu Kreuze kriechend den Schuldenberg hinauftreibt, wo ihm alles (inklusive Kreuz) gepfändet wird. Der Erlös sollte die Aktien seiner Jünger im Jenseits himmelhoch jauchzend durch die Wolkendecke knallen lassen.

In der Hierarchie der Monetheistischen Kirche standen die sogenannten "Spekulanten“, die über die Güte des höheren Finanzwesens spekulierten, an erster Stelle. Unter ihnen beschworen die "Banker“ (auch "Hütchenspieler“ genannt) in geheimnisvollen Zeremonien "Materielle Werte“. Die kleingeistlichste Ebene bildeten die "Politiker“, denen die formale Regierungsgewalt über die Kirche zugesprochen wurde. Sie wurden von einem Wirtschaftspapst angeführt, der sich in der Tradition des ehemaligen Jüngerunternehmers Mammon Petrus sah. Mit ihm hatten die Spekulanten den Sündenbock zum Gärtner gemacht. Er durfte den anderen Politiker die Messe lesen, den Währungskessel schwenken und "Credo in unum euro“ singen.

Die geistlichen Führer, vom gemeinen Volk auch liebevoll "Schweinepriester“ genannt, wurden von ihren Gemeinden verehrt und nach ihrer Gewinnmitnahme in der Spitze der Finanzpyramide bestattet, wo sie dem ewigen Kreislauf des Geldes beiwohnen sollten. Sie hatten sich einem geistigen Armutsgelübde unterworfen und erbrachen ihr letztes Abendmahl, um ihre "Betriebe“ genannten Tempel trotz der fetten Jahre zu verschlanken. In Krisenzeiten brachten sie ihrem höheren Finanzwesen Menschenopfer dar; nicht selten stießen sie ihren Anhängern auf dem Altar der freien Wirtschaft gleich zu Tausenden das Messer in den Rücken. Die Betroffenen glaubten, dass ihr Opfer sie vor der "Hölle“, die sie "Sozialismus“ nannten, retten würde.


Übungen zu 158:


Verständnisaufgabe a)Gibt es Parallelen zu früheren archaischen Religionen?
Verständnisaufgabe b)Was genau versteht man unter "Materiellen Werten“?
Verständnisaufgabe c) Warum wurde ausgerechnet dem niederen Klerus die Regierungsgewalt übertragen?
Transferaufgabe d) Dem Altklugen Testament zufolge wurden die ersten Banker aus dem Paradies vertrieben, weil sie dem Rat einer falschen Schlange folgten und verbotene Derivate naschten. Warum war das höhere Finanzwesen darüber so erzürnt?


Faktenwissen 159: Die monetheistische Glaubenskrise


Um das Jahr 2010 n. Chr. läutete die Griechisch-Unorthodoxe Kirche die Renaissance des antiken Leichtsinnsgottes Pan ein, und eine panische Stimmung ergriff die feierabendländischen Gotteshäuser. Missernten, Flächenbrände, Piratenangriffe, die Schwarze Pest und ein riesiger Geldrutsch erschütterten die Monetheisten in ihrem Glauben. Bankentempler liefen durch die Märkte und geißelten sich mit rattenschwänzigen Hypothekenbriefen. Die Priester waren wie gelehmant, bis ihnen vor Angst die Blase platzte. Voller Überfluss und frierend vor sozialer Kälte, nahmen sie den Kirchgängern das letzte Hemd, um sich selbst nichts wegzuholen.

Die Monetheistische Kirche Deutschlands umfasste zahlreiche Orden, die mehr als ein Jahrzehnt friedlich nebeneinander lebten, nachdem sie um die Jahrtausendwende Häretikersekten wie die Gregorgysianer gemeinsam ausgelacht, ihre Anführer peinlich befragt und anschließend in eine Schublade gesteckt hatten. Sie trafen sich regelmäßig auf einem Reichstag, um unstrittige Glaubensfragen im Schein heiligen Disputes zu erörtern. Nun waren sich die verschiedenen Bruderschaften uneins in der Bekämpfung dieser panischen Glaubenskrise. Die "Tröster vom Godesberg“ behartzten darauf, dass Petrus "Stein“ hieße, und somit jeder, der die Silbe "Stein“ in seinem Namen trüge (egal welcher von den beiden), Papst anstelle der Päpstin werden solle. Die "grünen Basilikumpriester“ fanden das "supertöfte“, da die Nachhaltigkeit von Steinen ökomenisch bewiesen worden sei. Die "Söhne der Neoliberalen Empfängnis“ wiederum glaubten, selber einen Stein im Brett vorm eigenen Kopf zu haben. Die damalige Päpstin Angela orakelte jedoch: "Wer ohne Schulden ist, der werde der erste Stein!“ und begann im gleichen Augenblick, sich ständig selbst zu widersprechen.

"Umverteilung von unten nach oben“, so lautete ihre neue Heilsbotschaft. Um sich bereits ganz unten das Seelenheil im Wohlstandsparadies zu sichern, wurden die Gläubigen gezwungen, sogenannte "Ablassbriefe“ zu kaufen. Damit ihre neue Hosensoutane nicht nass wurde, investierte die Päpstin den warmen Geldregen in einen teuren Rettungsschirm. Ein italienischer Alchemist namens Draghi ließ sich zum Gegenpapst ausrufen. Er hatte den Stein der Wirtschaftsweisen entdeckt, mit dem man Geld aus Papier herstellen konnte. Damit kaufte er sich den prächtigeren Rettungsschirm, und neidzerfressen schäumte die Sch.Hl. Angela vor Wut. Papst und Päpstin vergifteten sich in der Folgezeit gegenseitig so inflationär mit toxischen Wertpapieren, dass die verunsicherten Gläubigen in eine große Depression verfielen. Das höhere Finanzwesen sprang schließlich gerade noch rechtzeitig vom Commerzbank Tower zu Babel, denn es hatte seine ganzen Ersparnisse in ein Warentermingeschäft investiert: In die eigene Apokalypse.

Übungen zu 159:


Verständnisaufgabe a)Warum wird die feierabendländische Geldkultur auch "Steinzeit“ genannt?
Verständnisaufgabe b)Was könnte der Begriff "supertöfte“ bedeuten?
Transferaufgabe c) Hätte die feierabendländische Geldkultur zu irgendeinem Zeitpunkt gerettet werden können?
Transferaufgabe d) Warum kursieren noch heute so viele Witze über den "Monetheismus“?




Zum Vergrößern bitte anklicken.


Abbildung zu 159: Die Monetheistische Weltordnung
(Unbekannter Meister des XXI. Jahrhunderts)

Sie sind der 668269828. Besucher seit dem 18.01.2018.   

Impressum


Vorheriger Artikel  : Vorheriger Monat

Impressum