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Das Opelaner

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Seit Adam und Opel folgt die Herde frühmorgens um sechs dem Ruf der Werkssirene, noch ehe der Hahn dreimal krähet. Verschmitzt lächelt dem Opelaner der Starschnitt Norbert Blüms aus dem Spind entgegen, während es seine ehrliche Haut durch das Auftragen einer sogenannten Arbeitsmontur vor grassierender Individualität zu schützen sucht. „Morgen, Adi!“, „Morgen, Kalli!“, „Morgen, Ümit!“ – Plötzlich gerät die schreckhafte Herde jedoch in Unruhe: Der Kampmann aus der Endmontage fehlt. Schon wieder wurde ein Herdenmitglied nächtens von Wölfen oder Finanzhaien gerissen. Aufgrund seiner anrührenden Hilflosigkeit ist das Opelaner vom Aussterben bedroht – so, wie es seinen nahen Verwandten „das Kumpel“ bereits dahingerafft hat. Nur wenige Exemplare des Opelaners werden vom ADAC noch in den Niederungen der Pfalz, an den Hängen der Wartburg, in den Auen der Ruhr, des Mains und der Havel dabei beobachtet, wie sie tagein, tagaus metallische Nester auf Rädern bauen, in denen dann doch niemand brüten will und die das Antlitz unserer Mutter Natur mit Reifen treten.

Das Opelaner ist durch Rohre, Kurbelwellen und Quetschverschraubungen mit seinem „Leben“ verschlaucht. Es ist ein chronischer Pneumatiker, hat eine extrem hohe Positioniergenauigkeit und taktet mit einem IQ von 2000 Millibar. Nicht weniger als zwei Arme ermöglichen es ihm, stakkatoartig in der x-, y- und z-Richtung zu operieren, und wenn die endokrine Hochdruckpumpe Insulin in das Opelaner einspritzt, dann nietet es, lötet es, bohrt es, dass es ein reines Malochen ist, und wenn es dabei mal nicht zischt, dann pfeift es – am liebsten die Melodie von „Du hast mich 1000 mal belogen“. Dabei wehrt es am laufenden Band Scharen von Blechen ab, die auf ihn zugeflogen kommen und seine Seele mit bleierner Schwere erfüllen. Sein Blick ist von den Blechen in der Schwebe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Bleche gäbe und hinter tausend Blechen keine Welt.

„Hochzeitsstraße“ nennt das Opelaner diesen geheimnisvollen Ort, an dem es den größten Teil seines Tages verbringt. Und auch abends spielt die Ehe eine große Rolle für ihn. Es ist mit seinem Verein verheiratet, der meistens auf den schönen Namen „Schalke 04“, „BVB“ oder „SC Opel 06 Rüsselsheim“ hört. Paaren tut es sich allerdings mit seiner Frau, die meistens auf den weniger schönen Namen „Dschackeline“, „Schantalle“ oder „Muttern“ hört. Das Opelaner steht – wie kaum ein anderes Mensch im Tierreich – unter einem enorm hohen Selektionsdruck und pflanzt sich deshalb wie blöde fort. 80% aller Auszubildenden werden von der firmenleitenden Natur aussortiert, so dass erst jedes fünfte Kind in die Opelherde übernommen wird. Die restlichen vier haben Glück gehabt.

Das Opelaner ist durch Rohre, Kurbelwellen und Quetschverschraubungen mit seiner Frau verschlaucht. Es ist ein chronischer Hektiker, hat eine extrem hohe Positioniergenauigkeit und taktet mit einem GEIL von 2000 Hochglanzmagazinen. Der Hubkolben über dem Kugellager ermöglicht es ihm, stakkatoartig in der y- und z-Richtung zu operieren – die x-Richtung fällt weg, da ansonsten die Nockenwelle rausspringen würde – und wenn die endokrine Hochdruckpumpe Testosteron in das Opelaner einspritzt, dann nietet es, lötet es, bohrt es, dass es ein reines Malochen ist, und wenn es dabei mal nicht zischt, dann pfeift es – am liebsten die Melodie von „Zehn nackte Friseusen“. Sein opelblitzartiges Liebesspiel hypnotisiert das Weibchen durch seine Gleichförmigkeit: Der weiche Gang getimter Arbeitsschritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.

Der handzahme Allesschweißer ist jederzeit für einen Mantafahrerwitz zu haben. Kommt man ihm jedoch kiebig, steckt es seinen Verteilerkopf in den Sand. Das Opelaner ist durch Rohre, Kurbelwellen und Quetschverschraubungen mit seinem Frust verschlaucht. Es ist ein chronischer Choleriker, hat eine extrem hohe Positioniergenauigkeit und taktet mit einer WUT von 0,0002 Stuttgart 21. Nicht weniger als zwei Achseln ermöglichen es ihm, stakkatoartig in der y-Richtung zu operieren – aber auch nicht zu hoch, damit „die Opelaner die wo da oben“ keinen Schaden nehmen, die ihn mit täglich immer kleiner werdenden Abfindungen in Form von Zündkerzen, Bremsbelägen und VW-Currywürsten füttern. Stattdessen rotiert es um sich selbst und beißt sich in den eigenen Auspuff. Und wenn die endokrine Hochdruckpumpe Adrenalin in das Opelaner einspritzt, dann nietet es, lötet es, bohrt es, dass es ein reines Malochen ist, und wenn es dabei mal nicht zischt, dann pfeift es – am liebsten das Lied von der Autohupe: „Völker hört die Signale“. Dann schmeißt es wutentbrannt das Werkstor hinter sich zu, steigt in seinen Ford Mustang mit dem Lemmingschwanz an der Autoantenne und brettert in den Sonnenuntergang, immer auf der Suche nach einem Abgrund als Abschussrampe in ein besseres Leben, dem Grand Canyon vielleicht, oder irgendeine Kiesgrube in Herne, oder eine Zeitarbeitsfirma. Das Opelaner ist das einzige Mensch im Tierreich, das sich keine Sorgen um seine Zukunft machen muss, denn es hatte nie eine. So kann es sich entspannt zurücklehnen und voller Gottvertrauen die Augen schließen, während es den Boden unter den Reifen verliert. Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – und hört im Opelaner auf zu sein.

Sie sind der 969381212. Besucher seit Schopenhauer.   

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