Das Magazin für Kollateralschäden innerhalb der eigenen vier Wände

Der Reisetipp für alle, die sich Gefühle leisten können:

Selbsterfahrungstrip in das "Jammertal"

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens entsteigen wir dem Zug nach Nirgendwo. Das halb aus der Verankerung gerissene Bahnhofsschild "Endstation Sehnsucht" klappert verloren im eisigen Wind. Niemand erwartet uns hier. Ganz auf uns allein gestellt, tragen schwer an den Sorgen in unserem Gepäck, während wir uns fröstelnd den steinigen Weg ins trostlose "Jammertal" hinunter schleppen.

Das "Jammertal", von den Einheimnischen auch lieblos das "Tal der Tränen" genannt, befindet sich tief in der "Mittleren Lebenskrise". Im Westen vom "Problemmassiv", im Osten von der "Zentnerschweren Last" eingefasst, liegt es öde und brach vor unseren wunden und halberfrorenen Füßen. Mein Kameramann klagt beim Abstieg über eine tiefe Sinnkrise.

Im dichten Gefühlsnebel, der sich diffus über das Tal gelegt hat, ragt plötzlich schemenhaft unsere Herberge, die "Letzte Grenze", vor uns auf. Unser mürrischer Gastwirt begrüßt uns mit den Worten: "Womit habe ich bloß so lausige Gäste verdient?" Mein Zimmer wird mir schnell zu eng; panikartig flüchte ich in die Schankstube, wo mir ein hartes Brot und ein Haar in der Suppe serviert werden. Mein Kameramann kommt erst eine halbe Stunde nach mir an den Tisch und entschuldigt sich mit einer zunehmenden Orientierungslosigkeit. Die anderen Touristen, hauptsächlich völlig überarbeitete Gymnasiallehrer, missverstandene Banker, Eltern von ADHS-Kindern und ehemalige FDP-Parteigrößen, starren in die Leere ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit, während sie in den bitteren Apfel beißen, den uns unser Wirt als Dessert aufgetischt hat. Wir beschließen den Abend mit einem Wermutstropfen als Absacker.

Zum Frühstück erscheint mein Kameramann nicht mehr. Wahrscheinlich hat er sich im Labyrinth seiner Kindheitserinnerungen verloren. Aber das ist auch nicht mehr wichtig. Diesen letzten Kreuzweg muss ein jeder für sich alleine gehen. Einsam und müde setze ich mich über die letzten menschlichen Abgründe hinweg. Das Ziel meiner Pilgerfahrt ist natürlich der nahegelegene See. Immer schon wollte ich mal so richtig im "Selbstmitleid" baden. Nach einigen Stunden unerbittlicher Wanderschaft halte ich die Strapazen meines mich im Kreise Drehens nicht mehr aus. Die "Unüberwindlichen Hindernisse" zeichnen sich am Horizont ab. Ein Wegweiser lockt damit, dass der rettende "Zynismus" nicht mehr weit sei. Doch ich beiße die Zähne zusammen, und der mich durchflutende Schmerz speist den sich plötzlich vor mir ausbreitenden Pfuhl. Im Gefühl der Vortrauer vollführe ich einen Seelenstriptease und stürze mich nackt und verletzlich in die Tiefen meines Daseins. Im Fieberwahne spüre ich, wie mich die schiere Ungerechtigkeit umschmeichelt und meine heißen Tränen zu kleinen Dampfwölkchen kondensieren, sobald sie auf die eiskalte Oberfläche der schwarzen Galle treffen.

Innerlich verzweifelt, mache ich mich auf den Rückweg zur Herberge und ahne: Die dicke Rechnung kommt zum Schluss.

Sie sind der 171811068. Besucher seit den olympischen Winterspielen in Montreal.   

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