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The Survival of the Fittest

Der Wecker scheint verängstigt zusammenzuzucken, als die Echos seines schrillen Rufes mannigfach von den Wänden der Tiefgarage auf ihn zurückgeworfen werden. Norbert von Nöthen, genannt „The Fittest“, springt wie eine aus dem Tiefschlaf gerissene Wildkatze auf und rollt sich geistesgegenwärtig unter das metallene Bettgestell. „Als Prepper muss man allzeit bereit sein, denn der Untergang der menschlichen Zivilisation kennt keinen Nachtschlaf.“

Der Hausmeister hat es dem Überlebenskünstler gestattet, sein Bett zwischen einem anthrazitfarbenen VW Polo und einem selten genutzten Behindertenparkplatz aufzustellen. Als Gegenleistung hat Nöthen versprochen, sich um die Katze des Facility Managers kümmern, wenn ihr angestammtes Herrchen ihr eines schönen Tages, von Lava und Magma verschüttet, nie wieder schmackhafte Thunfischhäppchen kredenzen kann. „Dafür haben wir doch jahrelang das Überleben trainiert. Damit wir nach dem Armageddon die Fackel der Menschlichkeit hochhalten können, auch wenn es keine Menschheit mehr gibt. Wir überleben doch nicht nur um des Überlebens wegen. Prepper – das ist nicht einfach nur irgendein Beruf. Das ist eine Berufung.“

Wikipedia definert „Prepper“ als „Personen, die sich mittels individueller Maßnahmen auf jedwede Art von Katastrophe vorbereiten: durch Einlagerung von Lebensmittelvorräten, die Errichtung von Schutzbauten oder Schutzvorrichtungen an bestehenden Gebäuden, das Vorhalten von Schutzkleidung, Werkzeug, Funkgeräten, Waffen und anderem.“ Prepper weisen jedoch darauf hin, dass der Wikipediaeintrag im Ernstfall höchstwahrscheinlich nicht mehr zu googeln sei.

Nicht nur, dass Smartphones und Deos versagen werden – das Leben im postapokalyptischen Zeitalter ist auch sonst nicht immer ein Zuckerschlecken. Nöthen kramt in den Taschen seiner asbestverseuchten Thermojacke und befördert einen Angelhaken zu Tage: „Eingeborene auf den Lofoten haben mir gezeigt, wie man damit selbst dann noch Beute machen kann, wenn bereits alle Fische mit dem Bauch nach oben treiben. Man schneidet sich einfach ein Loch in seine Bauchdecke und wartet, bis der Blinddarm anbeißt. Naturdarm hat Kunstdärmen gegenüber nämlich den Vorteil, dass er beim Grillen nicht so schnell platzt.“

Im Vergleich zu den vielen Survival-Trainingscamps, die Nöthen im Laufe seines Lebens bereits besucht hat – unter anderem bei Rüdiger Nehberg, dem IS und auf einem Verbandsliga-Schiedsrichterlehrgang – erscheint sein Alltag verblüffend normal. Er arbeitet in der U-Bahn als Pfandflaschensammler. „Große Sprünge kann ich mit dem Erlös nicht machen, denn die meisten Flaschen lege ich für schlechte Zeiten zurück.“ Falls die Post aus Gründen des Weltuntergangs ihren Betrieb einstellt, wird Nöthen nichts anderes übrig bleiben, als auf die gute alte Flaschenpost zu setzen, wenn er Kontakt zu anderen Survivors aufnehmen will. „Natürlich könnte man dafür auch Einwegflaschen verwenden. Aber wenn die Leute keinen Pfand zurückbekommen – warum sollten sie dann zurückschreiben?“

Früher hatte Nöthen viele Freunde. Doch nachdem sich seine Frau Manuela eines Tages aus Angst vor der Klimakatastrophe das Gehirn einfrieren ließ, zogen sich die meisten von ihm zurück. „Die fanden das wohl irgendwie schräg, wenn wir anstoßen wollten und ich im Gefrierfach erst mal die Manu beiseite räumen musste, um an die Ouzoflasche zu gelangen. Einmal ist der Denkapparat dabei heruntergefallen und Manuelas Überlebensinstinkt im Limbischen System hat eine ziemliche Delle bekommen.“

Um nicht so zu enden wie seine Frau und aus Angst vor der drohenden Katastrophe Selbstmord zu begehen, beschloss Nöthen, Prepper zu werden. Er besuchte die Ortsgruppe des „Fähnlein Fieselschweifs“, doch er merkte schnell, dass er es dort nur mit „Geigerzählern“ zu tun hatte. „Heutzutage glauben ja selbst Krethi und Plethi, dass sie ein Recht auf Überleben hätten.“ Als Heidelore sich bei einer Übung weigerte, den Kampf mit der Brombeerhecke aufzunehmen, weil „die Flecken niemals wieder rausgehen“ würden, schimpfte er: „Dann macht doch euren Weltuntergang alleine“ und sprengte das Vereinsheim – eine verkommene Laube in der Gartenkolonie „Immergrün“ – als „Vorgeschmack auf schlechtere Zeiten“ kurzerhand in in die Luft.

„Es sind genau diese Heidelores, die unsere Bewegung in Verruf bringen. Und natürlich die vielen Reichsbürger, die bei uns rumlungern, um sich ein paar Kniffe für ihren Guerillakampf gegen die Bundeswehr abzuschauen.“ Dabei war Nöthen nach der Heidelore-Episode selber kurzzeitig in den Dunstkreis der Reichsbewahrer geraten. „Die wollten hier wirklich alles in Schutt und Asche legen, das wäre ein wahres Überlebensfest geworden.“ Er stieg innerhalb eines halben Jahres zum Geheimobersturmbandführer der legendären Thule-Gesellschaft auf und wurde damit beauftragt, Kontakt mit dem Mutterschiff im Andromeda-Nebel aufzunehmen. „Als ich beim Flottenadmiral der Reichsscheiben nachfragte, wann sie die menschliche Zivilisation zerstören wollten, verwiesen sie darauf, dass man zu diesem Zweck bereits Anfang des Jahrtausends einen „Androiden für Destruktion (AfD)“ mit der Typenbezeichnung ‚Alice Weidel‘ heruntergebeamt hätte.“ Doch der Android hatte einen Konstruktionsfehler und so verließ er regelmäßig die Schlacht, bevor er mit seinem gefrierenden Todesblick die Menschheit hätte vernichten können.

Danach ist Nöthen ein Einzelkämpfer geworden. Teils aus Enttäuschung, teils aus Überzeugung. Denn je mehr sich die Überlebenskünstler gegenseitig auf den Füßen herumtreten, desto wahrscheinlicher ist der Untergang der Spezies Mensch. „Da veranstalteten sogenannte Experten tatsächlich einen ‚Europäischen Katastrophenschutzkongress‘ in Berlin. Wenn ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ein Dinosaurier von der Größe eines durchschnittlichen Theropoden in die Kapitale eingeschlagen wäre, hätte die Explosion in einem einzigen Augenblick das gesamte Überlebenswissen Europas ausgelöscht.“

Nöthen glaubt ohnehin nicht daran, dass die Welt durch menschengemachte Katastrophen wie Super-GAUs, Immobilienblasen, Hackerbanden, Atomkriege oder RTL untergehen wird. „Seit Kim Jong-un die Welt mit seiner Rakete provoziert, bekommt unsere Bewegung rasanten Zulauf. Aber wenn Kim wirklich vorhätte, die Welt in ein Inferno zu verwandeln, müsste die Zahl der nordkoreanischen Prepper ja ebenfalls sprunghaft ansteigen. In Wirklichkeit wissen wir von keinem einzigen, und die vielen Hungertoten beweisen, dass man in Nordkorea überhaupt keine Ahnung von Überlebensstrategien hat.“

Kühe. Auf die muss man aufpassen. „Die haben so riesige Euter angezüchtet bekommen, dass sie vor lauter Frust kaum noch stehen können. Wenn die mal irgendwann Rabatz machen, dann bleibt hier kein Stein mehr auf dem anderen stehen.“ Kühe sind ausgeschlafene Überlebensspezialisten, da sie immer ihren eigenen Käse-Shop am Leibe tragen. Aber „The Fittest“ wäre nicht „The Fittest“, wenn er nicht auch darauf eine Antwort hätte: „Burger!“

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