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Und am Ende gewinnen immer die Deutschen

Der Live-Kommentar vom Endspiel der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft

Herzlich willkommen, liebe Fußballfans, zum Endspiel um die Europameisterschaft 2020. Wenn ich aus dem Fenster meiner Reporterkabine schaue, sehe ich erste Gewitterwolken über dem Verwaltungssitz der UEFA in Nyon aufziehen. Aber der Fußballgott meint es gut mit uns, denn während draußen immer noch schwüle 32°C herrschen, sorgt die Klimaanlage im Keller des Gebäudes für bestes Fußballwetter.

Ich gebe zu, dass ich wie viele von Ihnen auch zuerst skeptisch war, ob die Auslosung des neuen Europameisters eine gute Idee sei. Aber schlussendlich haben Fußballexperten wie bwin-Gründer Norbert Teufelberger recht damit behalten, dass wir uns unsere schönste Nebensächlichkeit der Welt nicht von so einem dahergelaufenen Virus kaputt machen lassen dürfen. Und so war es vielleicht ganz gut, dass die Verschiebung der EM um ein Jahr an der für diesen Zeitraum geplanten Saudi-Arabien- und Nordkoreareise des FC Bayern München scheiterte. Denn was für aufregende Losentscheide haben wir in den letzten Wochen miterleben dürfen.

Schon heute Nachmittag konnte Gibraltar mit dem unglaublichen Lossieg über die „Three Lions“ den dritten Platz, und damit den größten Erfolg in seiner 125-jährigen Verbandsgeschichte, feiern. Der gibraltarische … gibraltinische … der Abwehrspieler Gibraltas, Ethan Britto, erklärte hinterher in einem Interview: „Wir haben zuhause vor den Bildschirmen alles gegeben. Ich selber habe mir beim Griff in die Chipstüte böse die Hand gezerrt und trotzdem bis zum Losentscheid immer weiter gefuttert. Und, hey – mit dieser Moral haben wir den Ziehungsbeauftragten mürbe gemacht. Über diesen Sieg werden unsere Berberaffen daheim noch in hundert Jahren sprechen, wenn die Menschheit, und damit auch ich, längst ausgestorben ist.“

Des einen Glück, des anderen Pech. Während Gibraltar die Gunst der Stunde nutzte, als Nachrücker in den Kreis der besten Nationen vorzustoßen, gilt unser Mitgefühl natürlich auch der italienischen Squadra Azzurra, die krankheitsbedingt absagen musste. Ogni bene, Ihr stolzen Etrusker! Leider – so die traurige Erkenntnis - macht Corona auch vor dem abgefeimtesten Catenaccio nicht halt. Trotzdem möchten wir unsportliche Anfeindungen wie „Wie werden der UEFA noch was husten!“ von Euch nicht länger hören.

Die Spannung steigt, denn wir nähern uns dem großen Finale. Die beiden Loskugeln wurden nach dem Aufwärmtraining gerade wieder in die Umkleidekabine zurückgetragen. Im Rahmen der kleinen Abschlussfeier spielt ein tragbarer MP3-Player die EM-Hymne „Football‘s staying home“, während der ehemalige UEFA-Präsident Michel Platini nur mit einem Mundschutz bekleidet durchs Studio flitzt und von einem Ordner mit einem Betäubungsgewehr gestoppt wird. Das gibt uns Gelegenheit, unsere bis in die Lungenspitzen motivierten Nationalspieler daheim an den Fernsehgeräten zu begrüßen. Jungs! Schnappt Euch den Titel! Noch vor ein paar Wochen war die Deutsche Nationalmannschaft bei den Fans und Buchmachern völlig abgeschrieben, aber sie ist im Verlaufe dieses Turniers wie Phoenix aus der Asche, was sage ich, wie Johnson vom Intensivbett, wiederauferstanden. Und nach dem hochdramatischen Halbfinale, in dem wir die Engländer mal wieder in der Elfmeterziehung rausgekegelt haben, scheint nun alles möglich. Wie sagte der twittersüchtige Niemalseuropameister Gary Lineker nach diesem bemerkenswerten Kampfspiel, in dem beide Mannschaften ihre Siegchancen hatten, so schön? „Fußball ist ein einfaches Spiel: Ein ehemaliger Fußballprofi, den kein Mensch mehr kennt, zieht eine der beiden Loskugeln, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Unser Gegner Spanien hatte es da wesentlich leichter, ins Finale zu kommen, da seine Lostrommel im Halbfinale fünfmal weniger gedreht wurde und sich die Loskugel deshalb ein wenig schonen konnte. Dafür müssen die Spanier allerdings heute auf ihren Kapitän verzichten. Was für ein Drama um Sergio Ramos: Wegen eines nicht getragenen Mundschutzes während der Ziehung gegen Gibraltar wurde er für dieses so wichtige Spiel gesperrt und darf nun sein heimisches Wohnzimmer nicht mehr betreten, um am Fernseher mitzufiebern. Seine Frau hat ein Foto auf Instagram gepostet, wie er völlig geknickt auf dem Klo sitzt, wo er die Entscheidung mit einem antiquierten Transistorradio am Ohr verfolgt.

Wie ich sehe, stehen die gegnerischen Kugeln bereits am Ausgang der Katakomben bereit. Zeit, um noch einen kleinen Werbespott des Hauptsponsors „Adidas“ zu einzuspielen, der diese Veranstaltung mit einer großzügigen Spende von 2,4 Mrd. Euro überhaupt erst möglich gemacht hat:

„Früher, als wir klein waren, fummelten wir noch mit der Pille auf der Straße. Alte Dosen, die wir aus den Mülleimern kramten, waren unsere Tore. Der Spacken mit der AOK-Brille ist Tobias. Er spielte meistens den Schiri, weil ihn niemand in der Mannschaft haben wollte. Manchmal hat er deswegen auch geflennt oder sich eingepisst. Heute hat sich manches geändert. Heute sind wir auch mit den Behinnis solidarisch. Natürlich kann da schon mal was zu Bruch gehen, wenn unser Jüngster seinen Teddy neben der Porzellanvitrine auszudribbeln versucht und mit seinen Stollen im Perserteppich hängen bleiben. Kopf hoch, kleiner Mann! Something's gotta change – aber die drei Streifen bleiben!“

Nach diesem kleinen Werbespot kommen wir gerade rechtzeitig zum Abspielen der Nationalhymnen. Ein großes Boulevardblatt stichelte ja im Verlaufe dieses Turniers gegen die deutsche Loskugel, weil sie sich weigerte, inbrünstig mitzusingen. Ich denke aber, dass man es respektieren muss, wenn einige schwermütige Menschen und Dinge in diesen Zeiten mit der Verszeile „Einigkeit und Recht und Freiheit“ auf Kriegsfuß stehen. Glücklicherweise hat der Deutsche Bundestag ja noch rechtzeitig vor dem Finale den Text geändert, so das auch das schwerste Los kein Problem damit haben dürfte „Einigkeit in Quarantäne“ zu grölen. Doch was sehe ich? Die Kugel liegt auch dieses Mal stumm und reglos vor der Lostrommel. Dieser Mangel an Solidarität enttäuscht mich persönlich doch sehr. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie demnächst ein Foto posten würde, wie der türkische Ministerpräsident Erdo?an mit ihr Billard spielt.

Jetzt betritt der Ziehungsbeamte Walter Spahrbier Jr. den Raum. Sofort pfeift Schiedsrichter Collina, der kaum wiederzuerkennen ist, nachdem er seit über einem Monat nicht mehr beim Friseur war, ihn zurück, schreitet 9,15 m ab und markiert mit Rasierschaum den Ort, an dem zwei fleißige Handwerker der UEFA unverzüglich eine Mauer aus Plexiglas für den Offiziellen aufbauen.

Unter dem frenetischen Applaus aus der Konserve betritt nun der prominente Ehrengast – einer dieser ehemaligen Fußballprofis, die kein Mensch mehr kennt, der aber dem Umfang nach Ailton sein könnte – das Studio. Jetzt wird‘s ernst! Einwurf! Ailton – oder wer auch immer – wirft die beiden Kugeln in die Lostrommeln und beginnt sie zu drehen. Er dreht und dreht und dreht. Mein Gott, ich ertrage dies Spannung nicht mehr. Jetzt öffnet er die Lostrommel, greift beherzt hinein, zieht eine der beiden Kugeln – und was tut er jetzt? Er wirft die Kugel auf den Boden und versucht sich mit ihr bis zum Ausgang durchzudribbeln. Nach ein paar Metern bricht er jedoch keuchend zusammen. Entweder ist es tatsächlich Ailton oder das Coronavirus hat ihn übermannt. Wie auch immer, Collina lässt die gestrauchelte Existenz vom Spielfeld karren, und für Ailton – oder wen auch immer – wird ein anderer ehemaliger Fußballprofi, den nun aber wirklich kein Mensch mehr kennt, eingewechselt, um die Büchse der Pandemie zu öffnen und den Namen des neuen Europameisters zu verlesen: Es ist DEUTSCHLAND! Deutschland ist Europameister! Jungs, diesen Titel habt ihr euch wirklich verdient, denn während die meisten spanischen Spieler während der Übertragung auf dem Sofa eingeschlafen sind, haben sich unsere Ballkünstler mit Computerspielen und Pornos wachgehalten. Ich sehe gerade bei Instagram erste Bilder von unseren überglücklichen Europameistern Matthias Ginter und Lukas Klostermann, wie sie sich nicht in den Armen liegen, und von Sergio Ramos, wie er sich aus lauter Enttäuschung selber im Klo runterspült. Wir würden für ein Interview auch gerne nach Wittnau zu unserem einzigartigen Erfolgstrainer Jogi Löw schalten, aber der hat sich vor ein paar Minuten aus Angst, dass Corona seine Frisur ruinieren könnte, an seinem Seidenschal aufgehängt. Kinders, was war das doch für eine aufregende Europameisterschaft, und während Ihr Fußballverrückten daheim Autokorsi zum nächsten Baumarkt macht, freue ich mich schon auf die Auslosung des nächsten Weltmeisters in einem vollklimatisierten Fernsehstudio in Qatar.

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