Das Magazin für die deutsche Frühstückspause

Passiver Widerstand mit Köpfchen

Es klang wie „Plock!“ Es war kein lautes Plock. Das Plock war gerade laut genug, um ein paar Vögel aufzuscheuchen, die dem bunten Treiben auf dem „Jomo Kenyatta Golf Club“ neugierig zuschauten. Doch es war allemal laut genug, um ein ein neues Zeitalter auf dem afrikanischen Kontinent einzuläuten.

Kipanga hörte das Plock und wunderte sich, warum der Köcherbaum, unter dem er gerade abhing, zu tanzen begann, und die weite Graslandschaft mit einem Male über dem blauen Himmel Kenias zu thronen schien. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Das nächste, woran er sich erinnerte, war ein schwitzender weißer Mann, der aufgeregt in einer ihm fremden Sprache auf ihn einredete, während er wie eine Ente um ihn herumwatschelte, um unnötige Blutflecken auf seinen maßgeschneiderten Knickerbockern zu vermeiden. Als Kipanga die rote Spur zurückverfolgte, musste er feststellen, dass eine große Risswunde in seiner Stirn die Quelle des reißenden Blutflusses war. „Wie ein König mit seiner Krone siehst du aus“, sagte der Arzt später zu ihm im Krankenhaus, als Kipanga seinen turbanartigen Verband im Spiegel betrachtete. Und der Golfer aus dem fernen Land mit der fremden Sprache machte ihm jeden Tag seine Aufwartung am Krankenbett und brachte ihm Spielzeug und Süßigkeiten mit. Nach zwei Wochen blieb der Besuch plötzlich aus. Der Fremde hatte Kipangas Vater eine große Summe Geld gezahlt und sich von seinen Schuldgefühlen freigekauft. Als der junge Mann nach zwei Monaten schließlich geheilt entlassen werden konnte, verließ mit ihm eine Geschäftsidee das Hospital.

Wenn man heute eine Runde auf dem „Jomo Kenyatta Golf Club“ spielen will, sollte man sich besser schon ein halbes Jahr vorher dafür anmelden. Denn die „Causa Kipanga“ sollte kein Einzelfall bleiben: Innerhalb eines Jahres kam es auf den Spielbahnen zu mehr als dreihundert tragischen Unglücksfällen mit Entschädigungszahlungen, die in die Millionen gingen. Immer mehr Golfer aus den USA und Europa wurden von der einzigartigen Gelegenheit, den Golfsport mit der Großwildjagd in der Serengeti zu verbinden, angelockt. Und seit das Golfsportmagazin „Birdie Putt“ diese neue Disziplin als den „neuen Trendsport für ganze Männer“ erhob, strömen jedes Jahr mehr als eine halbe Millionen Enthusiasten des blutigweißen Sports auf die kenianischen Spielbahnen und sind bereit, für den „Kick ihres Lebens“ horrende Wiedergutmachungszahlungen zu leisten. Die Industrie präsentiert den neuen Golfschläger „Headbanger“ mit eingebauter Zielvorrichtung. Und die Clubs fördern diese archaische Variante des Lochspiels noch, indem sie ein „Hole in the Head in One“ mit Gutscheinen für den Besuch des Adumu, den bekannten Stammestanz der Massai, prämieren.

Doch wenn es heute „Plock!“ macht, ist in den seltensten Fällen noch ein einheimischer Schädel mit ihm Spiel. Das mutmaßlich angeschossene Opfer – umgangssprachlich Plockhead genannt – verfügt über ein Team von bis zu drei Hintermännern, die den Unfall choreografisch ausgestalten. Der „Soundmaster“ erzeugt das „Plock!“ mit zwei hohlen Kokosnüssen, die er aufeinander schlägt. Der „Troublemaker“ springt entsetzt und flennend auf und ab und markiert den Verwundeten, damit andere Teams den Treffer nicht für sich reklamieren können. Gleichzeitig lenkt er den Golfer ab, damit der „Pitcher“ den Spielball, der zumeist in sicherem Abstand gelandet ist, unbemerkt in Richtung des „Tatorts“ kickt. Blut ist eine begehrte Requisite. Wenn im Dorf eine Ziege geschlachtet wird, prügeln sich die verschiedenen Plockheadteams regelrecht um diesen, den Preis der Entschädigung in die Höhe treibenden Rohstoff, so dass am Ende genügend Blut für alle geflossen ist. Gleichzeitig lernen die Kinder dabei, wie man überzeugend jammert und stöhnt.

Die UNESCO würdigt dieses Geschäftsmodell als vorbildliches Beispiel dafür, wie „Hilfe zur Selbsthilfe“ funktionieren kann. Vor dem ersten „Plock!“ vegetierten die Einwohner des nahegelegen Dorfes perspektivlos vor sich hin. Nicht nur, dass die Arbeitslosenquote bei 100% lag. Die Felder der Gemeinde verdorrten, als das Wasser des nahegelegenen Flüsschens aufgestaut wurde, um damit die anspruchsvollen Grünflächen der neugebauten Golfanlage zu bewässern. In der Folge sah sich das Management sogar gezwungen, drei Dorfbewohner zu erschießen, die unter dem fadenscheinigen Vorwand des Verdurstens unerlaubterweise aus dem Bewässerungsreservoir zu trinken versuchten.

Inzwischen haben fast alle Einheimischen einen Job in dem gut besuchten Club gefunden – als Greenkeeper, Caddy, Chauffeur des Golfmobils oder als Golfmobil selbst. Sobald die Sonne untergeht dürfen sie nach Belieben aus der Sprinkleranlage trinken. Und immer mehr junge Einheimische können sich nach ihrem initiatischen „Plock!“ den Besuch einer höheren Schule leisten. So auch Kipanga, der inzwischen in Nairobi Medizin studiert. Als das Schmerzensgeld nach drei Semestern aufgebraucht war, schrieb sein Vater den Golfer aus dem fernen Land mit der fremden Sprache an und verkaufte die Unschuld seiner jüngsten Tochter Goitsemedime für das restliche Schulgeld und eine ausgediente Heizdecke. Wenn Kipanga sein Studium beendet hat, will er Plockheads in ganz Kenia kostenlos behandeln: „Die meisten weißen Männer, die zum Golfen hierherkommen, würden noch nicht mal eine Scheune treffen, geschweige denn einen unserer löwengleichen Krieger. Dann macht nur die Kokosnuss ‚Plock!‘ Aber manchmal kommen auch Profispieler an den Abschlag. Wenn es dann ‚Plock! Plock!‘ macht, ist der Kot des mächtigen Löwen kräftig am Dampfen.“

Kenias Präsident Uhuru Kenyatta unterstützt die neu entstandene Kopf-im-Loch-Industrie: „Ich bin stolz auf die mutigen Männer unserer Nation, die bereit sind, den Kopf dafür hinzuhalten, dass unsere Vorväter ihren Reichtum, ihr Land und ihre Würde an ein paar unzivilisierte weiße Männer verloren haben. Abschlag für Abschlag verdienen unsere jungen Löwen Ruhm und Wohlstand zurück, indem sie nicht davor zurückscheuen, sich mal eine blutige Nase zu holen und mit ihrem Kopf passiven Widerstand zu leisten!“ Er steht in einer Reihe mit Angela Merkel, die den Bau von Golfplätzen auf dem gesamten schwarzen Kontinent fordert, um somit das Ende des Flüchtlingsdramas einzuleiten: „Warum sollen intelligente, junge und selbstbewusste Afrikaner ihr gesamtes Hab und Gut gerissenen Schleusern überschreiben, um in Deutschland von rüpelhaften und nur durchschnittlich begabten Wirrköpfen unmethodisch mit dem Baseballschläger vermöbelt zu werden, wenn die Reichen und Schönen Europas bereits sind, zu ihnen nach Hause zu kommen und ihnen mit sportlicher Eleganz und chirurgischer Präzision eine gut verheilende Wunde auf den Kopf und mit einem angemessenen Schmerzensgeld ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern?“ Als die Kanzlerin einen Golfplatz in der Nähe von Mombasa besucht, für den sie die Patenschaft übernommen hat, drängen sich Hunderte begeisterter Kinder um die prominente Patin und strecken ihr demonstrativ den Kopf hin. Gedankenverloren streichelt sie einem von ihnen über das krause Haar. Doch der Junge weicht entsetzt zurück und bittet: „Hit me, please! Hit me!“

Sie sind der 884107178. Besucher seit dem 05.12.2016.   

Impressum