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Schon eine andere Kultur irgendwie ...

In memoriam König Abdullah

„Die Jubelperser sind da!“ Unser Reiseleiter fiel schon während des sechsstündigen Fluges durch seine flotte Sprüche auf. Er schien damit den Geschmack unseres saudischen Empfangskomitees genau zu treffen, denn er bekam als einziger von uns eine Ehreneskorte gestellt und durfte in einer eigenen Luxuskarosse den Flughafen verlassen, während ein enger Berater von König Abdullah den Rest unserer Reisegruppe begrüßte.

Alles begann damit, dass der Scheich von Katar sechzig spanische Handballfans einfliegen ließ, die das katarische Team bei der Handball-WM im eigenen Land lautstark unterstützen sollten. Das Geschäftsmodell „Rent a Fan“ wurde in der Region ein großer Renner, und als das westliche Ausland das saudische Königshaus für die öffentliche Auspeitschung eines Staatsfeindes kritisierte, kam das Oberhaupt auf die Idee, einen ihn nahestehenden deutschen Rüstungskonzern um die Entsendung deutscher Schlachtenbummler zu ersuchen. Die nicht genannt werden wollende Waffenfirma lobte sechzig Flugtickets für diejenigen ihrer Handelsvertreter aus, welche das beste Weihnachtsgeschäft erzielen würden. Das brachte dem Technologieriesen Umsatzsteigerungen in Millionenhöhe und einem nicht genannt werden wollenden Land in Afrika einen Bürgerkrieg ein. Da einer der Gewinner erkrankte, durfte ich als einziger Journalist kurzfristig einspringen, um in der nächsten Ausgabe der Firmenzeitung „Im Fadenkreuz“ über diesen ungewöhnlichen Betriebsausflug zu berichten.

Die weiblichen Gewinnerinnen wurden noch am Flughafen mit einem Schleier ausgestattet, wobei sie zwischen „Gucci“, „Chanel“ und „Versace“ wählen konnten. Die Klein aus dem Vertrieb „Libanon“ hatte sich bereits im Vorfeld der Reise ein Kopftuch bei „Klingel“ bestellt. Das musste sie allerdings abgeben, da es nicht teuer genug war, um den Anforderungen der Sittsamkeit zu genügen. Danach wurden wir alle im Rolls Royce in ein Fünf-Sterne-Hotel chauffiert, das wie ein Sultanspalast eingerichtet war. In der Minibar gab es jedoch bloß Wasser mit oder ohne Kohlensäure, und auf dem Pornokanal liefen Kamelrennen. Schon eine andere Kultur irgendwie ...

Am nächsten Morgen wurden wir bereits kurz nach Sonnenaufgang zu einem halbtägigen „Workshop für gottgefälliges Fanbrauchtum“ abgeholt. Wir lernten die arabischen Ausdrücke für „Gott ist groß“ und „Lang lebe König Abdullah“ sowie den Namen des Scharfrichters, der in Saudi-Arabien ähnlich populär ist, wie bei uns in Deutschland Helene Fischer oder Mario Götze. Danach studierten wir die übelsten Beschimpfungen für das Prügelopfer, das wegen irgend einer ganz besonders schlimmen Straftat zu zwanzig Tagessätzen à 50 Peitschenhiebe verurteilt worden war. Der Brüggekamp aus dem Vertrieb „Ostukraine“ hatte zunächst Bedenken, überhaupt mitzumachen, weil er doch früher mal Zivi war und eigentlich Pazifist sei. Aber der Mutterkorn aus dem Vertrieb „Libyen“ relativierte sofort: „Beim Fußball gibt's doch auch mal ordentlich auf die Schlappen.“ Und die Pelzig aus dem Vertrieb „Lateinamerika“ freute sich: „Das ist hier ja noch besser als ‚Shades of Grey‘“, während der Heinzel aus dem Vertrieb „IS“ lakonisch bemerkte: „Schon eine andere Kultur irgendwie ...“

Nachmittags hatten wir eine Audienz bei König Abdullah. Wir durften ihm reihum die Füße küssen, wobei wir von seinem Berater angehalten worden waren, mit der Zungenspitze gründlich in die Zehenzwischenräume zu fahren. Der König schmeckte nach Rosenwasser, alter Mann und Fuß. Trotzdem war es ein erhebendes Gefühl, sich mit der Zunge in Regionen zu bewegen, in denen vorher bereits Größen wie Westerwelle, Obama oder Queen Elisabeth II. gezüngelt hatten. Abdullah lobte uns „für die einzigartige, friedliche Fanunterstützung, die die Nationalmannschaft zum WM-Titel getrieben“ habe und versprach sich von uns „große Taten“ aufgrund des „reichen Erfahrungsschatzes, den wir Deutschen im Laufe unserer Geschichte beim Zujubeln Henker und Folterknechten“ sammeln durften. Nachdenklich fügte er hinzu: „Schon eine andere Kultur irgendwie ...“

Direkt nach dem Freitagsgebet war die Zeit unseres großen Auftritts gekommen. „Ziemlich kühle Stimmung hier,“ raunte mir der Wiebrecht aus dem Vertrieb „Westukraine“ zu. Tatsächlich ging nicht einmal das leiseste Raunen durch die Menge, als der Delinquent in die Mitte des großen Platzes geführt und sein Oberkörper frei gemacht wurde. Doch während der Scharfrichter begann, den Verurteilten auszupeitschen, peitschten wir den Massen parallel ein. Zunächst riefen wir artig die auswendig gelernten arabischen Floskeln und begleiteten jeden Schlag mit einem begeisterten „Aloa Akbar!“ Da wir die besten Plätze direkt auf Höhe der Mittellinie hatten, die sich langsam blutrot auf dem Rücken des Geprügelten abzeichnete, verfielen wir jedoch - angetrieben von unseren eigenen Schlachtgesängen - recht schnell in einen ekstatischen Blutrausch und begannen, zu improvisieren. Nach dem zwanzigsten Schlag tanzten wir barfuß im Regen der stiebenden Blutstropfen Lambada und sangen: „Komm hol die Peitsche raus - wir spielen Domina und Sklave!“ und „Einer geht noch, einer geht noch drauf!“ Das einheimische Publikum ließ sich von unserem Enthusiasmus anstecken und feierte uns, sich selbst, den König und den lieben Herrgott, so dass beim vierzigsten Schlag bereits die „La Ola“-Welle über den Platz fegte. „Guckt mal, der hat Rücken!“ verkündete die Krause aus dem Vertrieb „Krim“ etwas neunmalklug, als der geschundene Körper des Übeltäters schließlich nach dem fünfzigsten Schlag zum Krankenwagen geschleift wurde. „So geh'n die Deutschen, die Deutschen gehen so. - So geh'n die Opfer, die Opfer gehen so“, sangen wir übermütig und ahmten den schleppenden Gang des Gepeinigten nach. Die Schlowinski, über die im Betrieb unschöne Gerüchte kursierten, auf welche Weise sie es als Vertriebsleiterin „Westfriesische Inseln“ geschafft hatte, unter die Top 60 zu kommen, eilte währenddessen auf den Scharfrichter zu, entblößte im Rausch der Sinne ihre Brüste und gestand ihm: „Ich will ein Kind von dir!“, woraufhin dieser auch pflichtschuldig ihren Namen und die Nummer ihres Hotelzimmers notierte. Von wegen „schon eine andere Kultur irgendwie ...“

Die Abreise fiel allen sichtlich schwer. Die Delegation hat in Saudi-Arabien viele gute Freunde gewonnen und sicherlich ein gerüttelt Maß dazu beigetragen, das Bild vom „Hässlichen Deutschen“ im Ausland ein Stück weit zu revidieren. Beim Einchecken begegneten wir auch unserem Reiseleiter wieder, der ganz offensichtlich bei der Besichtigung eines sehr hohen Minaretts die Treppe heruntergefallen sein musste. „Dann mal raupf aupf den pfliegenden Teppipf und allepf anpfnallen!“, flachste er.

Als die Maschine abhob, fühlte ich plötzlich eine tiefe Verbundenheit mit diesem gastfreundlichen Land der wundersamen Bräuche und schnellen Kamele, und ich nahm mir vor, so bald wie möglich zurückzukehren. Ende des Monats wird die Schlowinski, die der Liebe wegen zurückgeblieben war, gesteinigt. Dann werde ich wieder hinunterfliegen und mächtig Stimmung machen. Ich glaube, ich werde ihr einen Amethysten als Gastgeschenk mitbringen - der ist gut für ihr Scheitelchakra.

Schon eine andere Kultur irgendwie ... aber gut, um mal die deutsche Seele baumeln zu lassen.

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