Das Magazin für Ziellose und solche, die es werden wollen

"Dufte!"

Macht geht durch die Nase


„Die GerĂŒchekĂŒche brodelt wieder!“ Schwarzer Rauch quillt aus dem Vorzimmer der Kanzlerin, wĂ€hrend die Jamaika-Sondierungen ein paar Zimmer weiter zu scheitern drohen. Doch fĂŒr Olivia Factorius ist Stress nur ein anderes Wort fĂŒr Adrenalin. Und davon hat sie immer ein paar GlĂ€schen in ihrer Handtasche dabei.

Die Aromatherapeutin Olivia Factorius begleitet die Bundeskanzlerin bereits seit mehr als fĂŒnfzehn Jahren. „Ich traf Angela Merkel in einem Dorfgasthof in der Uckermark, wo sie in einer Stammtischrunde das große Wort fĂŒhrte. Friedrich Merz sei ein Stinktier, und sie könne ihn nicht riechen. Ich fragte sie unverblĂŒmt, ob ich mal in ihre Nase schauen dĂŒrfe und stellte fest, dass der Feinstaub aus dem Betonwerk Milmersdorf ihren Riechkolben völlig verdreckt hatte. Also löste ich die Blockade mit einer improvisierten Kirschwhiskey-SpĂŒlung. Hinterher konnte Angela den Merz zwar wieder riechen, aber trotzdem nicht leiden. Also erklĂ€rte ich ihr, wie man ihn mit der richtigen Duftmischung fĂŒr immer loswerden könne.“

Dabei handelt es sich bei der Aromatherapie keineswegs um eine unseriöse Pseudowissenschaft - sie basiert auf dem PhĂ€nomen, dass GerĂŒche direkt ins Unterbewusstsein strömen und Kindheits- und Jugenderinnerungen wecken. „Es war ein Kinderspiel, Friedrich Merz zu destabilisieren. Der Geruch von Urin und frisch gestĂ€rkten Bettlaken förderte ein lange verdrĂ€ngtes Kindheitstrauma zutage und löste VersagensĂ€ngste in ihm aus.“

Seitdem heißt es: „Ein Geruch geht um in Europa.“ Es ist der Geruch von „Merkel No 5“, ein Duft, den Factorius eigens fĂŒr die Kanzlerin kreiert hat und der nach frischem Hefekuchen „Werthers Echte“, Latschenkiefer, Kernseife und einer Spur „Tosca“ riecht – denn mit Tosca kam die ZĂ€rtlichkeit. Die Regierungschefs der ganzen Welt liegen Merkel seitdem zu FĂŒĂŸen. Der neue französische PrĂ€sident Emmanuel Macron beschrieb diese Wirkung wie folgt: „Als ich sie das erste Mal traf, war es, als ob sie meine Mutter und meine Lehrerin in einer Person sei.“

Im Vorzimmer zur Macht sieht es inzwischen aus wie in einer AlchimistenkĂŒche. GlĂ€ser mit geheimnisvollen Aufschriften wie „Think pink“, „Der Bart von Che Guevara“, „SteigbĂŒgel der Macht GrĂ¶ĂŸe 38-42“ oder „Ludwig Erhards Zigarrenstummel“ zieren die Regale, in einer Destille werden gerade nicht fortlaufend durchnummerierte 100-Euro-Scheine zu Schmiergeldern verflĂŒssigt, in einem Erlenmeyerkolben kauert ein Homunkulus mit den GesichtszĂŒgen von Christian Lindner und der Frisur von Anton Hofreiter und in einem KĂ€fig in der Ecke hoppelt ein Versuchskaninchen mit monströs aufgeblĂ€hten NĂŒstern panisch hin und her. Statt des obligatorischen ausgestopften Krokodils ziert eine Konrad-Adenauer-Statue die Zimmerdecke. Factorius hat sie im Foyer entdeckt und nun dient sie ihr zur Inspiration: „Was fĂŒr ein einzigartiges Riechorgan!“

Mittendrin im ganzen Tohuwabohu thront der ganze Stolz der leidenschaftlichen Duftmischerin: Die „Dicke Bertha“, eine Feldgulaschkanone, die bereits Napoleons Russlandfeldzug miterlebt hat, und in die Factorius gerade ein paar seltene KrĂ€uter einrĂŒhrt, die sie mitternachts auf dem Damenklo der Feldherrnhalle gepfĂŒckt hat. Dazu spricht sie die traditionelle Beschwörungsformel: „Dufte!“

Die „Dicke Bertha“ hat ihren fest gebuchten Platz im Regierungsjet, denn die Kanzlerin geht niemals ohne ihre Aromatherapeutin auf Dienstreise. Ihr glĂŒckliches Verhandlungsgeschick und die Tatsache, dass sie bislang auch in Staaten des Nahen Ostens nicht gesteinigt wurde, verdankt Merkel nicht zuletzt den verfĂŒhrerischen DĂŒften aus „Tausenduneiner Macht“. Und auch Factorius lernt auf ihren Auslandsreisen stĂ€ndig dazu. WĂ€hrend eines Aufenthaltes in den USA konnte sie sich ein paar Tricks von Obamas Voodoo-Mama abschauen und ihr ein wenig von ihrer geheimen Zutat „Yes we can“ abkaufen. Als sie das „Merkel No 5“ um diese Ingredienz bereicherte, wusste sie allerdings noch nicht, dass es sich um getrocknete Fliegenpilze handelte. Sie, die sonst so zurĂŒckhaltende und entscheidungsfaule Kanzlerin, lief daraufhin wochenlang aufgezogen wie ein Duracell-HĂ€schen durch die Republik und schrie ganz aufgeregt: ‚Wir schaffen das, wir schaffen das!“ Schlussendlich musste Factorius ihre Chefin mit ein paar Tropfen aus Horst-Seehofers „Pitralon“-FlĂ€schen sedieren.

Eigentlich sollten die Jamaika-Sondierungen nur ein Routine-Job fĂŒr die Albertine Einstein unter den Duftgenies sein, denn schließlich statt erst mal nur das gegenseitige Beschnuppern auf der Tagesordnung. „FĂŒr die CSU habe ich schon vor Jahren den Geruch ‚O‘schnupft is‘ designt, eine Mischung aus Kuhdung, Weißbier und Weihrauch. Der Duft ‚GerĂŒchle‘ aus LindenblĂŒtentee, Fahrradreifen und Weizeneiweiß, der die GrĂŒnen zum Schnurren bringt, ist ein altes Hausrezept meiner Oma. Und um das ‚Neonasal‘ fĂŒr die FDP-Spitze herzustellen, brauchte ich nur Bullensperma auf ein nasses BĂ€renfell zu schĂŒtten.“

Doch dann begannen die Probleme. Da Wolfgang Kubicki nach dem Verhandlungsmarathon keine frischen Hemden mehr zum Anziehen hatte, ĂŒberdeckte sein Eigengeruch das „Neonasal“. Als Factorius deshalb den Anteil an Bullensperma erhöhte, begann Horst Seehofer sich an der Kanzlerin zu reiben, und er versuchte, sie von hinten zu besteigen. Cem Özdemir reagierte in der Zwischenzeit allergisch auf den Fahrradreifen, da der Kautschuk nicht aus biologischem Anbau stammte. Er lief schreiend aus dem Sitzungssaal und wurde ein paar Stunden spĂ€ter in einer Dönerbude gesichtet, wo er sabbernd vor einem riesigen Lammhackspieß saß – und das ausgerechnet am parteiinternen Veggie-Day. Nur Christian Lindner zeigte sich unbeeindruckt; er hatte sich in seinem neuen Thermomix aus alten Parteiprogrammen den Geruch „Geld stinkt nicht“ zusammengemischt und propagierte: Stinken wir neu!

Schlussendlich mochten sie alle nicht mehr die Nase in das frisch parfĂŒmierte Positionspapier stecken. „Jeder Duft war, fĂŒr sich genommen, wohltuend erfrischend. Doch alle zusammen – das riecht wie ein triebgesteuerter Öko-Banker mit animalischen BlĂ€hungen.“

Um die Verhandlungspartner wieder an einen Tisch zu bringen, spielte Olivia Factorius ihre letzte Trumpfkarte aus. Dem „Duft der Macht“ konnte bislang noch niemand widerstehen. Hauptbestandteil dieses betörenden Geruchs ist das auratische Fluidum, das der Kanzlerin nachts aus den Ohren tropft und das in eine WorthĂŒlse leerer Versprechungen gefĂŒllt wird. Man sollte es bis zum Erwerb der vollen PensionsansprĂŒche mehrmals tĂ€glich inhalieren, allerdings nur unter Ă€rztlicher Aufsicht, da Suchtgefahr besteht. „Normalerweise unterschreiben Menschen, die dem ‚Duft der Macht‘ ausgesetzt waren, alles blind. Doch diesmal fĂŒhrte seine Anwendung zu einem Eklat, als die VerhandlungsfĂŒhrer am nĂ€chsten Morgen alle mit dem gleichen Hosenanzug erschienen.“ Also musste Olivia Factorius wieder von vorne mit ihren Versuchsreihen beginnen.

„Heureka!“, jubelt sie, nachdem sie schon nicht mehr an einen schnellen Erfolg geglaubt hatte. Das Versuchskaninchen mit der Nase von der GrĂ¶ĂŸe einer Wassermelone streckt alle Viere von sich. „Ich glaube, ich habe endlich den Durchbruch geschafft! Schade nur, dass dafĂŒr die letzten VorrĂ€te ‚Yes we can‘ draufgingen.“ Doch eine sichtlich mitgenommene Angela Merkel winkt ab: „Zu spĂ€t, Olivia. Die Verhandlungen sind geplatzt. Hast Du noch etwas von der ‚Groko-Mischung‘ von vor vier Jahren vorrĂ€tig?“ - „Nein, aber die ist ja schnell gemacht“, erwidert die Aromatherapeutin und greift sich eine handvoll GlĂ€ser und Tiegel . Sie kann ja nicht ahnen, dass Horst Seehofer bereits vor Tagen den „Arbeiterschweiß“ heimlich mit Glyphosat versetzt hat.

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