Das Magazin für die Wahrung des guten Geschmacks

„Welcher Wein passt zu abgelaufenem Käse?“

– Ein Selbstversuch –

„Geld allein macht nicht glücklich“ – Das alte Sprichwort ist mindestens noch genauso aktuell wie vor ein paar Jahren. Glückliche Kinder betteln überall auf der Welt neurotische und kreuzunglückliche Touristen mit einem fast schon unverschämten Lächeln an. Das am Hungertod nagende Volk Nordkoreas bejubelt voller innerer Friedfertigkeit und Genügsamkeit ihrem Diktator zu, der – nur weil er den Hals nicht voll bekommt – bis tief in die Nacht mürrisch über den Plänen zum Bau von Atomraketen brüten muss. Ist es also so einfach, glücklich zu sein? Dem Luxus zu entsagen und in Armut und Demut sein Leben zu fristen? Ich beschließe, es in einem Selbstversuch herauszufinden.

9.30 Uhr: Meine Wohnung

Nachdem ich ein paar Croissants und eine große Tasse Getreidemilchkaffee gefrühstückt habe, mache ich mich auf den Weg nach ganz unten. Als Arbeitskleidung wähle ich ein völlig aus der Mode gekommenes Boss-Sakko mit einer abgewetzten Wranglers aus. Ich halte inne, als ich gewohnheitsmäßig meinen Schlüpfer wechseln will, und ziehe mir den schmutzigen mit einem diabolischen Grinsen wieder hoch. Noch ein Schluck aus der Fürst-Bismarck-Flasche, ich schlinge mir den fürchterlichen selbstgestrickten Schal von Tante Ella um den Hals und bin bereit, meine neue Stelle als Chlochard anzutreten.

11.00 Uhr: Bahnhofsunterführung

Um meine Eintrittskarte ins Land des Lächelns zu lösen, beschließe ich, mich bei den Profis umzuhören. Von den Bettlern in der Bahnhofsunterführung zu lernen, heißt schließlich verlieren lernen. Doch ihr Anführer, ein ehemaliger Investment-Manager der Commerzbank, schaut gar nicht glücklich, als ich mein selbstgebasteltes Schild mit der Aufschrift: „Kann auf hundert Euro rausgeben“ vor mir aufbaue: „Verpiss dich, du lockst die Fliegen an!“, staucht er mich zusammen. Als ich ihm mein Anliegen darlege, bietet er mir an, mich durch ein paar gezielte Fausthiebe von den Sorgen des Alltags zu kurieren. Ich beschließe, den Platz zu wechseln.

12.10 Uhr: Bahnhofstoilette

Ich kauere mit meinem Schild zwischen zwei Urinalen. Es riecht nach Pisse und meine Wranglers klebt am Boden fest. Ich bin der einzige Bettler im Raum, und nach einiger Zeit weiß ich auch warum. Die Laufkundschaft starrt mich nur böse an, wenn ich sie um eine milde Gabe bitte, die ruhig so bescheiden ausfallen kann wie ihr Zipfelchen. Es dauert nicht lange, bis der schwarzafrikanische Toilettenwart mich rausschmeißen will. Wäre er in seinem Dorf im Kongo geblieben, würde er wahrscheinlich nicht so verdrießlich schauen. Geld verdirbt nun mal den Charakter! Ich plündere die Hosentaschen eines toten Junkies und suche mir ein neues Betätigungsfeld.

15.00: Mülleimer vorm Neuen Rathaus

Obwohl ich mir von dem Geld des Fixers ein paar extrastrapazierfähige Haushaltshandschuhe beim Penny gekauft habe, bringe ich es nicht übers Herz, in der Mülltonne zu wühlen. „Was bist du denn für'n feiner Schnösel?“, fragt mich eine professionelle Pfandflaschensammlerin, die es auf meine Mülltonne abgesehen hat. Doch wozu im Abfall stochern? Ich greife mir einfach eine der vollen Tüten, die an ihrem verrosteten Drahtesel baumeln. „Hilfe! Überfall!“ Und bevor ich mich mit meiner Beute aus dem Staub machen kann, werden wir von einer Menge Schaulustiger umringt. Die mir fürchterlich unsympathisch gewordene Frau muss nun eine grausame Lektion lernen: Im Zweifelsfall glaubt der Mob demjenigen, der sich Keramikkronen im Mund leisten kann. Doch wer Sonne im Herzen hat, den können die Stöße und Tritte der aufgebrachten Menge nicht viel anhaben.

16.30 Uhr: Supermarkt

Nachdem ich die Flaschen in den Automaten geworfen habe, besitze ich genügend Pfandgeld, um mir aus der Gammelecke im Kühlregal eine überlagerte Packung meines Lieblingskäses zum halben Preis zu kaufen. Eigentlich könnte ich mir den Käse sogar zum Normalpreis leisten, da ich dem stellvertretenden Bürgermeister die Brieftasche stibitzt habe, während er emsig die Flaschensammlerin verbimmste. Aber der schmale Preis lacht mich an und ich will das Glück nicht herausfordern.

17.30: Am Küchentisch

Während ich andächtig meinen abgelaufenen Käse esse, wird mir warm ums Herz. Ich begreife mich plötzlich als historisches Individuum und sehe mich in der Tradition des heiligen Franziskus, der einst sagte: „Alles, was ist, wie groß und gut es sei, besteht seine Zeit, erfüllt seine Zwecke und geht vorüber. Der Bordeaux Mouton Rothschild von 1966 löst den läufigen Weichkäse vom Zahnschmelz und der klassische, fein ausbalancierte Wein kontrastiert die Vergänglichkeit der Gammelware mit zeitloser Harmonie. Ein melancholisches Glücksgefühl durchflutet meinen Mundraum.

19.30 Uhr: Auf meiner Türschwelle

Die ungewohnte Euphorie lässt mich vor Erschöpfung gähnen. Zeit zum Schlafengehen! Ich habe mir auf dem Weg nach Hause aus einem Altpapiercontainer meine neue Glücksbettwäsche – ein paar zerknüllte Tageszeitungen als Kopfkissen und ein paar Werbeflyer als Zudecke – organisiert und lasse mir von ein paar Studenten mein Wasserbett im Vorgarten aufbauen. Zunächst kann ich nicht einschlafen, da das dünne Papier die Kälte ebenso wenig abhält wie mein Seidenpyjama, aber nachdem ich die Temperatur des Wasserbettes ein wenig hochreguliert habe, schlummere ich sofort ein und schlafe zum ersten Mal in meinem Leben den Schlaf der Gerechten.

6.30 Uhr, Folgetag: Fazit

Die Hypothese, dass arme Menschen glücklicher sind, wurde durch meinen Selbstversuch eindeutig bewiesen: Ich fühle mich nach meiner eintägigen Armutskur erfrischt, glückstrunken, ohne Fehl und spirituell erleuchtet. Welch eine Gnade widerfährt all den armen Schweinen, die jeden Tag so ein erfülltes Leben führen dürfen. Für mich beginnt jedoch wieder der Alltag, und ich schleppe mich griesgrämig ins Büro. Auf dem Weg dorthin bettelt mich ein Glückskind um einen Euro an. „Tut mir leid, Kleiner“, erwidere ich, „aber ich will Dir nicht Dein Lächeln stehlen.“

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