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Der Buch-Tip(p) des Monats

Protokoll über die außerordentliche Mitgliederversammlung des Sportvereins Wasserfreunde von 1898 Hannover e.V. am 27. Mai 2008 im Vereinshaus Lister Bad

Eine Perle der deutschen Gegenwartsliteratur

Schon seit langem ist das regelmäßig erscheinende Magazin "Wasserfreunde Post" dafür bekannt, heiße Themen anzupacken und vor unpopulären Sichtweisen nicht zurückzuschrecken. Die Zeitschrift besticht durch ein professionelles Layout und eine klare Strukturierung. Die heurige Titelillustration - drei häßliche Kinder sitzen am oberen Ende einer Rutsche - beweist den Mut für ungewöhnliche Ideen und unzeitgemäßen Symbolismus.

Aus der September-Ausgabe ragt die Kurzerzählung "Protokoll über die außerordentliche Mitgliederversammlung des Sportvereins Wasserfreunde von 1898 Hannover e.V. am 27. Mai 2008 im Vereinshaus Lister Bad" von Gerlinde Funke besonders hervor. Sie erzählt die Geschichte einer Wasserballsparte, die - von Intrigen und Rechtsunsicherheiten gebeutelt - schlußendlich selber nicht mehr weiß, ob sie eigentlich noch existiert oder auch nicht. Obwohl die Erzählung als epische Parabel angelegt wurde, brechen immer wieder unvermittelt persönliche Schicksale dramatisch in die Handlung ein und kontrastieren die kafkaeske Gesetzmäßigkeit des Protokolls, dem sich die Anwesenden unterwerfen. Diese führt allerorts zu Verwirrung und Verunsicherung. So beantwortet der undurchsichtige Michael Bartels die Frage, ob es denn nun einen neuen Verein gäbe, in dem die alte Wasserballsparte aufgegangen sei, mit dem Satz: "Ja, aber nur als Vereinsvehikel". Die sich steigernde Kakophonie der 109 Mitglieder scheint in einer völlig unsinnigen Abstimmung zu gipfeln; unsinnig, weil das Dilemma der Situation aus einer in der Vorzeit liegenden Abstimmung der Versammlung liegt. Die Frage nach der Zukunft der Wasserballsparte beinhaltet auch die vergangene Schuld und die daraus resultierende Hybris. Diese Schuld scheint durch eine neue Abstimmung getilgt zu werden - alles kann jetzt beim Alten bleiben. Doch da bezweifelt Peter Koch, der tragische Held dieser Erzählung, "die Rechtmäßigkeit der 'Wiederholung der Abstimmung über den Antrag zur Auflösung der Startgemeinschaft W98/Waspo Hannover' gem. Antrag vom 31.3.2008". Das Happy-End (Michael Nölke beendet die Versammlung mit dem Wasserfreunde-Gruß) wirkt aufgesetzt und läßt viele gerade auch existenzielle Fragen unbeantwortet.

Unser Prädikat: "Besonders lesenswert!"

Gerlinde Funke: "Protokoll über die außerordentliche Mitgliederversammlung des Sportvereins Wasserfreunde von 1898 Hannover e.V. am 27. Mai 2008 im Vereinshaus Lister Bad", in: "Wasserfreunde Post" September 2008, hrsg. v. Sportverein Wasserfreunde von 1898 Hannover e.V., Hannover.

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