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Der Wahlslogan: Perle der Dichtkunst

Rechtzeitig zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse feiert eine literarische Gattung Renaissance, die seit der letzten Landtagswahlen in Niedersachsen in Vergessenheit geraten schien: Der Wahlslogan.

In seiner äußeren Form ähnelt der Wahlslogan dem japanischen Haiku. Während der Haiku allerdings versucht, in möglichst knapper Form eine ganze Welt zu entwerfen, ist es das Ziel des Wahlslogans in möglichst noch knapperer Form so wenig Inhalt wie möglich zu transportieren. Das Verhältnis von Form- und Inhaltslosigkeit bezeichnen Linguisten als das "Blabla" (Abb.: Nr. 1). Es gilt

blabla = Inhalt / Form


wobei die Form in der Regel aus höchstens einem elliptischen Satz besteht.

Bewegt sich das Blabla gegen null, so spricht man von einem "geglückten Wahlslogan." Dies lässt sich nach der Formel

lim     (bla1 + bla2 + … + blan) = 0
→∞


berechnen, wobei jedes Bla ein quantifizierbares Teilbla (Abb.: Nr. 2) des gesamten Blablas darstellt, oder anders gesagt: Je Bla, desto hirntot.

Zeichentheoretisch ist das Bla schwer zu fassen, da sein Signifikant mit keinem Signifikat verknüpft ist. Es handelt sich vielmehr um Sprechen ohne Entsprechung. Der Leser interpretiert das als Versprechen. "Versprechen lohnt sich nicht – außer man hat es in zwei, drei Wochen schon wieder vergessen," lautet die Maxime der Wahlslogandichter. Und zum, Glück erweist sich das Bla als besonders robust gegen das Erinnern. Hirnforscher haben festgestellt, dass Gedächtniszellen sofort absterben, wenn sie mit einem Bla in Berührung kommen. Das liegt an der chemischen Eigenschaft der "Schwach ausgeprägten mnemotechnischen Permanenzfaszination" (kurz SchwamPf), die dem Bla aufgrund seiner besonders simplen Molekularstruktur innewohnt. SchwamPf kommt überall in der Natur vor. Bohlen-Songs und Analogkäse, die reich an Bla sind, haben beispielsweise eine Mnemo-Halbwertzeit von unter fünf Sekunden. Der Wahlslogan aber ist der ungekrönte König unter den Langeweilern: Testpersonen haben ihn im Durchschnitt bereits zwei Minuten, bevor sie ihn gelesen haben, bereits wieder vergessen.

Da das Bla nicht selber sprechen kann, ist es darauf angewiesen, dass der Leser ihm seine Stimme schenkt. Der Wahlslogandichter nennt diesen poetischen Akt "Stimmenfang." Da der Wahlslogan wegen seiner Sprachlosigkeit selber nicht ansprechend wirkt, kombiniert man ihn auf sogenannten "Wahlplakaten" häufig mit Fotografien bekannter Politiker (Abb.: Nr. 3). Das nennt man den "Wirkung über reizlose Gesichter"-Reiz (kurz "WürG"-Reiz), der den Blick des Betrachters fesselt, weil er vor lauter Langeweile nicht mehr die Kraft hat, wegzugucken. Unterstrichen wird diese Reizlosigkeit durch den "Blanamen" (Abb.: Nr. 4), den man so schnell wieder vergessen hat, wie die Doktorarbeit der betreffenden Person als Plagiat entlarvt wurde. Der pseudointellektuelle Hintergrund des Plakats (Abb.: Nr. 5) besticht durch kräftige, sich harmonisch in die Städtearchitektur einpassende Farben, damit sich die farblosen Gesichter davon abheben können.

Da charismatische Köpfe die Bedeutungsleere des Wahlslogans ungewollt mit Inhalten füllen könnten, wird darauf geachtet, dass nur Politiker abgebildet werden, die selber eine außerordentlich hohe biologische SchwamPf-Dichte aufweisen können und deren Gesichtsausdruck ungefähr so spannend ist wie Hundekuchen. Während das Großhirn des Betrachters die Verarbeitung der visuellen Information verweigert, denkt sich seine Netzhaut: "Oh, noch so einer."

Um diese präkognitive Verbindung zwischen dem Auge und noch so einem zu verstärken, wird dem Blabla meistens das "Gemeinbla" (Abb.: Nr. 6), hinzugefügt. Das kann ein "Wir" oder ein "Du" oder ein "Gemeinsam" sein. Die Stelle im Blabla, an dem das Gemeinbla veortet ist, wird auch der "Gemeinplatz" genannt. Meistens steht es an erster Stelle, da es im Leser ein "Dazugehörigkeitsgefühl oder auch nicht" evozieren soll. Falls oder auch nicht, fühlt sich der Betrachter einsam und er versucht alles, um auch mit dazuzugehören. Dieses Phänomen nennt man den "Herdentrieb" (von lateinisch "stupidus": dumm).

Dem Gemeinbla folgt in der Regel das "Pro&Kontrabla" (Abb.: Nr. 7) "für" oder "gegen." Beide Blas sind in ihrer Bedeutungslosigkeit bedeutungsgleich und werden synonym für "vielleicht eventuell unter Umständen wenn nichts dazwischen kommt und Weihnachten und Ostern auf einem Tag zusammenfallen" verwendet. Einige Sprachwissenschaftler vertreten die These, dass diesen Blas sogar noch weitere Blas folgen. Es hat sich jedoch noch niemand bereit erklärt, den praktischen Beweis anzutreten, indem er weiterlesen würde.

Abgerundet wird das Wahlplakat durch das sogenannte "Parteilogo" (Abb.: Nr. 8). Nachdem sich der Bundeswahlleiter vom ordnungsgemäßen Betrieb sämtlicher Blas überzeugt hat, zieht die ehemalige Lotto-Fee Heike Maurer in geheimer Wahl beliebige Wahlslogans und ordnet sie den Parteilogos zu. Wenn der Leser Glück hat, kommt diese Liste im Laufe des Abends abhanden oder Heike Maurer wird vorher schon der Ein-Euro-Job gestrichen. Ansonsten sind die Wahlplakate am nächsten Tag an Straßenlaternen und auf öffentlichen Plätzen erhältlich. Im Gegensatz zu herkömmlichen Buchveröffentlichungen hat der Leser allerdings die Möglichkeit, die Kleinode deutscher Nonsensdichtung schon vor dem Kauf zu lesen. Teuer dafür bezahlen muss er dann erst nach den Wahlen.

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