Das Magazin für Totgesagte und alle, die länger leben wollen

Lieber Mittelalter statt Wechseljahre ...

Ein wahres Märchen in einem wahren Staatsakt



"Honigmet, Pfefferkuchen, Weihrauch!" Auf der ständigen Suche nach Tagträumern und Realitätsflüchtlingen schlägt der Mittelaltermarkt seine Zelte im Deutschen Bundestag auf. Es ist Sonntag, der Tag des Herrn – und seit Andrea Nahles vorgeschlagen hat, den Sonntag politikfrei zu machen, ist es sogar der Tag der Herren und Damen Abgeordneten. So tummelt sich also allerley bundestägliches Volk im Plenarsaal, der an gewöhnlichen Arbeitstagen zumeist rappelleer ist.

Die eiserne Schnarrenbergerin beschimpft gerade ein paar bajuwarische Sektierer, weil sie heimlich den Klängen der Mittelalterband "In Extremo" lauschen wollten. Seehofer wird Falkner und macht sich zum "Adler-Horst". Der strubbelige Ströbele raucht genüsslich einen Hanffladen. Friedrich der Innere und der Engel Gabriel fechten eine Tjost am Rednerpult aus. Robin Schäuble nimmt’s von den Armen und gibt es den Reichen. Der oberste Heerführer Thomas hat nach der Fahnenflucht seines Heeres seinen Glauben verloren und schießt sich aus lauter Langeweile mit ’ner Armbrust ’nen Appel von ’nem Ei. Der Pestarzt Daniel ist ebenfalls bahr jeden Glaubens und lädt gerade die letzten Opfer der EHEC-Epidemie auf einen Gitterwagen, um sie anschließend in der Bundestagskantine zu bestatten. Die heilige Ursula erklärt dem staunenden Heer der Tagelöhner, dass "Ein-Euro-Job" heute mal "Fronarbeit" heißt. Und die Marketenderin Gabriele Pauli steht vor der Tür und darf nicht rein.

"Was für tuffige Beinkleider!" Wandermönch Guido, als warmer Bruder verkleidet, streicht anerkennend über eine gelb und blau gestreifte Pumphose. "25 Silbertaler, der Herr, und für dero dreißig lege ich noch diese wunderbare Narrenkappe drauf und werde arm dabei!" Während Guido die Münzen abzählt, bekommt er plötzlich einen Stoß in den Rücken und fliegt geradewegs in den Staub der Geschichte. "Beiseite, Gesinde, macht Platz für unsere Herrin, die Schwarze Angela." Die Hunnenmütze lässt die fremdartige Augenpartie des Büttels Philipp noch finsterer erscheinen. "Auf ein Wort, Herr Büttel! Wer zahlt mir jetzt meine Beinkleider?" Philipp wirft dem Händler eine Börse mit dreißig Silberlingen zu. "Dann kaufe ich sie halt." – "Davon rate ich euch ab, Herr. Sie sind euch viel zu groß!" Der Büttel lässt sich zu einem merkantilen Lächeln hinreißen: "Ich werde schon noch hineinwachsen, Meister!"

Ein paar Meter weiter biegt die Dienstkutsche der schwarzen Angela um die Ecke. Die Herrscherin aller Gläubiger kommt zu Fuß hinterher, da ihr der Motor der neuen S-Klasse (ein Schwabe im Hamsterrad) bei Sätzen mit Subjekt, Prädikat, Objekt zu sehr stottert. Die schwarze Angela ist guter Dinge, denn sie hat gerade beschlossen, sämtliche Wassermühlen vom Netz zu nehmen. Im fernen Land des aufgehenden Brotteigs geriet eine Elritze in ein Wasserrad und verursachte so eine Kornschmelze. Das Volk murrt seitdem; es hat Angst vor der neuen Technologie, und niemand weiß, wohin dem ganzen Wasser. Deshalb hat die Schwarze Angela zugestimmt, ausrangierte Windmühlen wieder in Betrieb zu nehmen und im ganzen Reich 30.000 FRODOs ("Fronarbeitende Dorfdeppen") freiwillig zum Pusten zwangszurekrutieren. Dazu hat ihr Puckfalla, der Zeitgeist des Mittelalterfests geraten. Er begleitet die Schwarze Angela über den Marktplatz und kann sie gerade noch davon abhalten, an einem Alchimie-Stand den "Stein der Wirtschaftsweisen" zu kaufen: "Spart euch das Geld, Herrin, die Fugger-Brothers haben sich einen gekauft und sind pleite gegangen." – "Ich will mich aber amüsieren!" Wie ein störrisches kleines Kind stampft die Schwarze Angela mit dem Bundschuh auf den Boden. "Du hast mir schon verboten, die zweihundert Elefanten-Panzerhemden an den Kalifen Harun al-Raschid zu verkaufen!" – "Aber Herrin, dabei handelt es sich um Panzer mit Leopardenfellverkleidung. Und Kriegselefanten reagieren panisch auf den Geruch von Leoparden." Die schwarze Angela schmollt, bis sie einen Wegweiser mit der Aufschrift: "Freya Press – Dipl.-Medium. Orakel für offizielle Anlässe wie für den Hausgebrauch. à 5 Schritte in die Zukunft" entdeckt: "Das klingt funzig! Da will ich hin!"

Freya Press, die ihren eigenen Tod in fünf Minuten vorhersieht, empfängt die Schwarze Angela gerade mal mit einem feuchten Händedruck. "Hinsetzen und Gosche halten!" Das Medium konzentriert sich, dreht und wendet ihre okkulte Antenne nach links, nach rechts – schwenkt sie im ganzen Raum. Doch ihre "Grundlich"-Kristallkugel empfängt nur das "ZDF vorgestern journal", der mittelalterliche Vorläufer des "ZDF heute journals". "Macht nichts – das Zweite sendet sowieso immer das selbe. Hier also eure Prognose für die kommenden Tage: Wo immer ihr auch schreitet – eine schwarze Pest wird von euch ausgehen. Und den Frankenkönig Guttenberg habt ihr fürbass zu früh abschreiben lassen ..."

Die Schwarze Angela fängt an zu plärren und stürzt aus dem Zelt, während ihre Praktikanten aus dem Bundeskanzleramt die böse Seherin erdrosseln. "Glaubt mir Herrin, diese Medien lügen alle wie gedruckt", tröstet der Mittelalter-Zeitgeist die aufgelöste Herrscherin. "Das ist lieb von dir, Puckfalla ... aber sie hat ja recht. Keiner liebt mich ... uuuhuhu! ... und alle warten sie nur darauf, mich zu stürzen!"

"Aber Herrin! Ihr habt die Macht! Wenn euer Volk euch noch nicht in den höchsten Tönen lobt, zieht ihr ihm einfach die Daumenschrauben an. Die SPD könnt ihr zwingen, kleinere Brötchen zu backen, die Linken als Häretiker in Eisenkäfigen unter der Reichstagskuppel aufhängen und die Liberalen am Fünf-Prozent-Burggraben scheitern lassen. Euren Pressesprecher könnt ihr wegen Mundraubs frei vögeln, die Kühnast als grüne Kräuterhexe verbrennen und die Merkel-Frisur als offiziellen Turnierhelm vermarkten. Der Kreuzzug gegen die Osmanen kommt bei der üblichen Verspätung der Deutschen Bahnritter ohnehin erst an, wenn sie bereits längst gegen die Sarrazinen verloren haben. Der Taler ist viel mehr wert als der Euro, weil Griechenland noch zu Byzanz gehört. Und falls ihr trotzdem mal in Geldnot geratet, erfindet euch Meister Gutenberg halt die Notenpresse. Nun lasst ihr am besten mal – nur so zum Spaß – ein paar Köpfe rollen und ein paar Gemeine ausbluten, und schon scheint wieder die Sonne über eurem erlauchten Herrscherhaupt ..."

Tatsächlich tauchen die letzten Strahlen der Abendsonne den Mittelalterplenarsaal in goldenes Licht, und die Käfige, in die die Linken eingeschlossen wurden, werfen ihre Schatten voraus. "Honigmet, Pfefferkuchen, Weihrauch! Kaufet schnell, bevor der Nachtwächter die Sperrstunde verkündiget!" Und kaum, dass Bundestagspräsident Lammert die Glocke läutet, löst sich der ganze Spuk in Luft auf. "Goldene Zeiten für eine Bundeskanzlerin wie mich", denkt die Schwarze Angela. Und während Gregor Gysi immer noch verzweifelt darum bettelt, wieder herunter gelassen zu werden, geht die Kanzlerin nach Hause und fragt sich, warum alle Parteifreunde sich ständig bei ihr beschweren, dass sie das Land ins Mittelalter führen wolle. Ist doch lustig, das Mittelalter...

Sie sind der 393699511. Besucher seit dem 21.01.2018.   

Impressum


Vorheriger Artikel  : Vorheriger Monat

Impressum